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Prof. Urs Jenal über das menschliche Mikrobiom

Bakterien, Pilzen und Viren sind meist unauffällige Mitbewohner, dennoch beeinflussen sie uns ein ganzes Leben lang. Wenn die Harmonie in dieser Wohngemeinschaft – dem Mikrobiom – verloren geht, drohen Allergien, Diabetes, Darmentzündungen und Fettleibigkeit. 

Wie viele mikrobielle Mitbewohner kommen auf und in uns vor?
Wir tragen rund zwei Kilogramm Bakterien mit uns herum. Die meisten davon sind im Dickdarm angesiedelt. In einem Gramm Stuhl leben etwa eine Billion Bakterien. Aber auch unsere Haut, Schleimhäute und die Atemwege sind ein Biotop, in dem sich Bakterien, Viren und Pilze nur so tummeln. Insgesamt bevölkern wohl um die 100 Billionen Mikroorganismen jeden einzelnen Menschen. 

Wozu brauchen wir sie? 
In den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren haben wir gelernt, dass die Mikroorganismen und unser Körper intensiv miteinander kommunizieren und jeder Partner klare Aufgaben hat. Bakterien und Mensch profitieren auf ganz vielfältige Weise voneinander. 

Inwiefern?
Die Mikroben in unserem Darm können weitaus mehr Stoffwechselreaktionen ausführen als unsere Leber. Wir brauchen sie für den Abbau pflanzlichen Materials aber auch als Trainingspartner für unser Immunsystem. Fehlen sie, so können Allergien und Asthma, aber auch Autoimmunerkrankungen die Folge sein. Wenn das fein austarierte Gleichgewicht der Darmflora durcheinander gerät, dann können Krankheitserreger die Oberhand gewinnen. 

Was kann dieses Gleichgewicht stören?
Mit einer ungesunden Ernährungsweise bringen wir das Gleichgewicht unserer Darmflora massiv durcheinander. Sowohl bei Mäusen als auch beim Menschen konnte man feststellen, dass sich die Diversität und Zusammensetzung der Darmflora bei starkem Übergewicht verändert. Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Einnahme von Antibiotika speziell im ersten Lebensjahr. Das Risiko später im Leben an Asthma zu erkranken, hängt zum Beispiel davon ab, welche Bakterienarten in den ersten Monaten nach der Geburt den Darm besiedeln. 

Lässt sich aus der Zusammensetzung der Darmflora ein Risiko für Erkrankungen ableiten?

Das Erkrankungsrisiko anhand des Mikrobioms vorherzusagen, ist heute noch nicht möglich. Wir wissen aber bereits, dass das Fehlen einiger Spezies im Darm mit dem Auftreten von Fettleibigkeit und bestimmten Krankheiten korreliert. 

Was bedeutet ein Verlust der Artenvielfalt in unserem Darm?
Es gibt in diesem Zusammenhang zwei Theorien, warum in der westlichen Welt immer mehr Menschen an Allergien oder chronischen Darmentzündungen leiden. Die Hygienetheorie besagt, dass wir zu wenig mit Dreck in Berührung kommen und deshalb nicht genügend wichtige Mikroorganismen einsammeln können. Die andere ist die „Disappearing microbiota“-Theorie. Mit unserem modernen Lebensstil und nicht zuletzt auch den medizinischen Errungenschaften reduzieren wir unser Artenspektrum drastisch. Die südamerikanischen Yanomami-Indianer tragen etwa vierzig Prozent mehr Bakterienarten mit sich herum als wir.

Wie kann ich meinen Bakterien etwas Gutes tun?
Gesund leben. Eine ausgewogene Ernährung, viel Gemüse und pflanzliche Fasern. Bewegung. Die üblichen Tipps. Welches Essen gut für jemanden ist, scheint aber sehr persönlich zu sein. Das kann wiederum sehr wohl mit der individuellen Flora eines jeden Menschen zusammenhängen.

Forschungsgruppe Urs Jenal