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Auf den Zahn gefühlt

Seit Jahren ist er auf der Suche nach der Zauberformel, die uns den Gang zum Zahnarzt erspart. Doch nicht nur als Leiter der Produktentwicklung der Zahnpasta Marken elmex und meridol bei Colgate-Palmolive, früher GABA, befasst sich André Brunella mit Formeln. In seiner Freizeit kreiert er mit Algorithmen Kunstwerke.

Nach Ihrem Diplom am Biozentrum hat es Sie für Ihren PhD in die Industrie gezogen. Wie kam es dazu?
Ich habe nicht nur meinen PhD, sondern auch schon meine Diplomarbeit in der Industrie gemacht, zunächst bei Ciba-Geigy, dann nach deren Fusion mit Sandoz in der heutigen Novartis. Mich haben die Experimente mit Enzymen, die Prof. Oreste Ghisalba mit uns im Mikrobiologie-Blockkurs gemacht hatte, total fasziniert. Da er nebst seinem Standbein als Lehrbeauftragter am Biozentrum auch noch eine Forschungsgruppe bei der Ciba-Geigy hatte, bot er mir an, dort an einer industriellen Anwendung von Enzymen zu forschen.

Sie begannen 2002 bei GABA zu arbeiten. Mit ihrem bekanntesten Produkt, der elmex Zahnpasta, sind Generationen von Schweizer Kinder aufgewachsen. Welches ist Ihre persönliche Beziehung zu dieser Marke?
Inzwischen habe ich natürlich eine Innensicht, aber es ist und bleibt eine faszinierende Marke. Ihre Geburtsstunde schlug Mitte der 1950er Jahren an einem wissenschaftlichen Kongress, an dem der firmeninterne Chemiker Schmid und der Zahnmediziner Mühlemann von der Uni Zürich zum Schluss kamen, dass man nicht weiterhin nur Löcher füllen, sondern in die Prophylaxe investieren sollte. Nachdem sie hunderte von Substanzen durchprobiert hatten, stiessen sie auf die Aminfluoride, die dann nach langjährigen Studien 1963 erstmals in der elmex Zahnpaste auf den Markt kamen. Und sie haben einen wirklich super Job gemacht. Ich bin nun seit fast 17 Jahren in der zahnmedizinischen Forschung und Entwicklung tätig und es ist unheimlich schwierig, etwas Besseres zu finden. Klar, wir sind fortlaufend am Optimieren, aber grundsätzlich ist es immer noch dasselbe Molekül. Und die Marke erfindet sich auch nicht ständig neu mit zig Produktvarianten.

In dem Fall, an was forschen Sie den lieben langen Tag?
(lacht) Wir haben natürlich zahlreiche neue Formulierungen entwickelt, die über das Aminfluorid hinaus die Zähne zusätzlich besser vor Säureangriffen oder das Zahnfleisch besser vor Entzündungen schützen. Wir testen auch neue Rohmaterialien, seien es verbesserte Putzkörper oder Aromen, die einen frischeren Atem verleihen, oder weil wir Wert auf eine nachhaltigere Beschaffung legen. Dann  müssen wir auch bei Veränderungen in der Gesetzgebung oder im Produktionsprozess die Formulierungen anpassen. und den wissenschaftlichen Nachweis der angepriesenen Produkteigenschaften liefern. Und dann laufen auch immer noch einige spannende Forschungsprojekte zusammen mit Universitäten und Testinstituten. Es geht zum Beispiel darum, den De- und Remineralisierungsprozess, der im Zahnschmelz permanent stattfindet, besser zu verstehen. Mit den heutigen Mitteln können wir einer Demineralisierung vorbeugen oder eine leichte rückgängig machen. Dann aber kommen die Fluoride an ihre Grenzen und es gilt «drill & fill». Der Traum ist ein Produkt, das uns den Besuch beim Zahnarzt erspart.

Wo werden die elmex-Produkte vertrieben?
Bis anhin in Europa, seit letztem Jahr auch in Brasilien, Argentinien und China. Ich war beim Launch in China mit dabei und das war echt ein cooles Erlebnis. In China gibt es zahllose Zahnpasta-Marken und das Land ist riesig. Also hat sich unser chinesisches Marketing Team einerseits zunächst für einen reinen E-Commerce-Vertrieb entschieden und andererseits unsere gängige Marketingstrategie durch die Zusammenarbeit mit Bloggern und digitalen Influencern ausgeweitet. Wir haben diese zu Workshops eingeladen und es war super spannend, mit welchen Fragen diese an unsere Produkte herangegangen sind. Auch dachte ich, dass die Blogger untereinander total kompetitiv sein müssten, aber die Stimmung war überraschenderweise extrem kollaborativ.

GABA wurde 2004 von Colgate-Palmolive übernommen, zuvor ein Konkurrent. Wie ist die Zusammenarbeit?
In den ersten Jahren  war sie noch nicht so eng. Colgate-Palmolive hat das GABA Geschäftsmodell parallel weiterlaufen lassen und es dann Schritt für Schritt umstrukturiert.  Heute sind wir bestens vernetzt mit den anderen Forschungsstandorten in China, Indien, Brasilien und dem Haupt Technology Center in Piscataway in New Jersey. Was sich für mich ziemlich verändert hat, ist die Zusammenarbeit mit meinem Chef. Während fast 14 Jahren konnte ich mich über zwei Tische hinweg mit meiner Chefin besprechen. Seit einiger Zeit sitzt nun mein Chef in den USA, eine interessante Herausforderung an die Kommunikation. Was ich sehr schätze sind die Mitarbeiter, die einen Austausch machen. Gerade eben war ein Kollege aus China ein halbes Jahr hier bei uns im Team. Das ist sehr bereichernd, nicht nur aus fachlicher, sondern auch aus kultureller und menschlicher Sicht. 

Und, forschen und experimentieren Sie auch in Ihrer Freizeit?
Vor einigen Jahren war ich an den Biennale in Venedig und inspiriert von der abstrakten Kunst habe ich im Zug auf dem Nachhauseweg angefangen mit einem JavaScript Tool herumzuexperimentieren und geometrische Muster zu kreieren. Sie entstehen zufällig, nur der Rahmen, in dem der Zufall stattfinden darf, ist gesteckt.  Zudem erforsche ich gerne die Meereswelt. Fast wäre ich Meeresbiologe geworden, aber es war wohl sinnvoller, ans Biozentrum zu kommen (lacht). 

Wahrscheinlich. An was erinnern Sie sich aus dieser Zeit am meisten?
Der Blockkurs im dritten Jahr war auf 40 Plätze limitiert und wir machten uns schon etwas Sorgen, ob das für alle reicht.  Zum Glück tat es das. Es war eine super Zeit. Wir waren fast wie eine Schulklasse, und hatten einen total guten Zusammenhalt. Vorlesungsmässig ist mir die Einführung in die Biochemie von Gottfried Schatz und Kaspar Kirschner in Erinnerung geblieben. Die fand ich wahnsinnig gut. Und nicht zuletzt, dass ich, um eine Uni E-Mail Adresse zu bekommen, bei Hans-Peter Hauri, dem damaligen Dekan, eine schriftliche Bewilligung einholen musste. Wir sassen dann da um einen riesigen Server herum mit «text-only» Bildschirmen. Wenn ich heute an Biocomputing und Big Data denke, ist es schon faszinierend, wo wir gestartet sind, und das ist noch nicht so lange her.

Lebenslauf
Von 1991-1999 studierte André Brunella am Biozentrum. Für seine Diplomarbeit forschte er bei der Ciba-Geigy AG für seinen PhD bei der Novartis Pharma AG, in der Gruppe von Prof. Oreste Ghisalba. Koreferent am Biozentrum war Prof. Peter Philippsen. Danach arbeitete er bei Outcomes International AG, einem Start-up im Bereich der Gesundheitsökonomie. Seit 2002 arbeitet André Brunella bei der GABA International AG, welche 2004 von Colgate-Palmolive übernommen wurde, zuerst als Project Manager im Bereich Research, dann als Head Research Department und schliesslich seit 2012 als Manager Product Development & Claim Substantiation, Colgate-Palmolive Europe.