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Lernen, lehren, bewegen, begeistern

Lehrerin wollte sie auf keinen Fall werden. Nun ist sie es doch. Seit 15 Jahren unterrichtet Anja Renold am Gymnasium Bäumlihof. Seit 2008 ist sie zudem Konrektorin. Eine perfekte Kombination für das Energiebündel. So kann sie etwas in Bewegung setzen und ihre Leidenschaft für strategisches, planerisches Arbeiten und Führung mit ihrer Liebe zum Unterrichten und dem Wecken von Interesse verbinden. Ein eindrückliches Pensum, aber zu Hause rumsitzen ist eh nicht ihr Ding.  

Sie haben zuerst Molekularbiologie und danach Botanik und Zoologie studiert. Wieso das? 

Ursprünglich habe ich mit Medizin angefangen, dann aber bald gemerkt, dass mich Ursachen und Forschung viel mehr interessieren, als Symptome. So wechselte ich in die Molekularbiologie. Als ich mich dann später, entgegen all meiner Vorsätze, doch noch entschied, Lehrerin zu werden, war das Problem, dass das damalige Biologie II Studium nicht für das Lehramt anerkannt wurde. Also habe ich dann noch ein  Nachdiplomstudium in Botanik und Zoologie absolviert. 

Research Assistant in Boston, PhD am Biozentrum. Hatten Sie denn ursprünglich eine Forscherkarriere im Blick?

Mein Diplom und der PhD-Abschluss meines Mannes fielen in die gleiche Zeit. Also dachten wir, das ist der richtige Moment, ins Ausland zu gehen. Boston ist ja ein Paradies für Molekularbiologen und ich habe ziemlich schnell eine recht anspruchsvolle Stelle am Massachusetts General Hospital gefunden. Trotzdem war ich quasi nur eine akademische Laborantin und merkte, dass ich nicht als rechte Hand eines Chefs dahinfristen, sondern meine eigenen Projekte haben möchte. Daher die Dissertation. Eine Forscherkarriere kam dann aber aus zwei Gründen nicht in Frage: Erstens bin ich keine Einzelkämpferin, denn obwohl in der Forschung viel im Team gearbeitet wird, muss man doch die eigenen Interessen ganz weit voranstellen. Und zweitens hat mir das Unterrichten in den Blockkursen extrem viel Spass gemacht. Also sagte ich mir, ich sollte das mit der Lehrerin vielleicht doch noch versuchen. 

Sie haben nach drei Jahren als Konrektorin noch eine Schulleiterausbildung gemacht. Wobei hilft das Zusatzwissen?

Ein wichtiger Aspekt waren die Führungsaufgaben, denn Lehrer sind ja alle ein bisschen ihre eigenen Könige.  Ausserdem ging es darum, wie man die zahlreichen Player, die Lehrer, Schüler, Eltern, Behörden, den Kanton und den Bund unter einen Hut kriegt oder ein Schulsystem, das ja relativ träge ist, in Bewegung bringt. Kommunikation und Krisenkommunikation waren auch wichtige Themen, genauso wie Qualitätsmanagement und Finanzen, denn Gymnasien sind ja meist teilautonom. Auch Rechtsfragen kamen auf den Tisch, denn damit sind wir ständig konfrontiert. Im Moment beschäftigen wir uns zum Beispiel gerade mit der Frage, wie lange ein Lehrer einem Schüler das Handy wegnehmen darf.

Und was genau sind Ihre Aufgaben als Konrektorin?

Das ist an jeder Schule etwas anders geregelt. Wir funktionieren hier sehr gut als Team. Ein Grossteil meiner Aufgaben liegt im administrativen Bereich, ich organisiere Aufnahmeprüfungen, erstelle den Jahreskalender, und bin für die Urlaubsgesuche der Schülerinnen und Schüler, die Begabtenförderung sowie die Kommunikation zuständig. Zudem führe ich rund 30 Mitarbeitergespräche pro Jahr. Dieses Führungsinstrument ist für uns sehr wichtig und wir konnten dadurch in den letzten acht Jahren sehr viel bewegen. Dann bin ich für zwei Klassenstufen verantwortlich und tausche mich regelmässig mit den Klassenlehrern aus. Und schliesslich greifen wir bei Krisen ein, um die Lehrer da zu entlasten.  

Was macht Ihnen dabei am meisten Spass?

Zum einen suche ich gerne Lösungen für Probleme. Zum anderen bringe ich gerne etwas in Bewegung. Als ich als Konrektorin anfing, wurden gerade die ganzen Bildungsstudien zur Schnittstelle Schule-Uni veröffentlicht und wir kamen zu dem Schluss, dass wir bei uns dringend etwas ändern möchten. Wir starteten ganz klein mit dem Projekt GBplus, und warfen dort schlichtweg die konventionelle Unterrichtsstruktur über BordWir haben das Jahr in sechs Phasen eingeteilt, so dass die Schüler nicht alle 13 Fächer gleichzeitig haben, sondern sich auf jeweils etwa fünf konzentrieren können. Auch haben wir die jeweilige Phase in Lern- und Prüfzeiten unterteilt. Denn stellen Sie sich vor, sie versuchen einen spannenden Biologieunterricht zu gestalten und die Hälfte lernt französische Vokabeln für die Prüfung in der nächsten Stunde. Das ist Frust und bringt niemandem etwas.  Klar, am Anfang gab es viel Kritik aus dem Kollegium vor allem auch, wegen des Tempos, das wir vorgelegt haben, aber irgendwann ist der Drive übergeschwappt. Inzwischen sind alle im Boot und bereits die Hälfte der Klassen wird nach diesem System unterrichtet.

Füllt Sie das Konrektorat ganz aus oder unterrichten Sie daneben auch noch?

Ich unterrichte noch, je nach Jahr unterschiedlich viel, und manchmal ärgere ich mich sogar ein bisschen, dass es nicht noch mehr ist. Ich hänge einfach sehr daran. Ich arbeite wahnsinnig gerne mit jungen Leuten. Schon immer. Als ich noch studierte, habe ich zum Beispiel die Junioren Nationalmannschaft in Synchronschwimmen trainiert. Die Begegnung mit ihnen, ihre Fragen, die Möglichkeit, ihnen etwas von all dem Spannenden, das es auf dieser Welt gibt, zu zeigen, und wenn möglich ihr Interesse zu wecken, finde ich super. Und Biologie ist da ein sehr dankbares Fach.  

In wie weit fliesst die Molekularbiologie auf dieser Schulstufe ein?

Bei mir stark (lacht). Natürlich gibt es andere, welche mehr Feld-Wald-Wiese orientiert sind und bei molekularbiologischen Themen eher Berührungsängste haben, aber bei uns in der Fachschaft Biologie kommt rund die Hälfte vom Biozentrum. Grundsätzlich ist im Curriculum ein Semester der drei Jahre Biologie für die Molekularbiologie reserviert.  

Man sagt, Frauen würden sich weniger für die Naturwissenschaften interessieren. Beobachten Sie das auch?

Das hängt innerhalb der Naturwissenschaften stark vom Fach ab. Im Bereich Biologie sind die Frauen genauso interessiert wie die Männer. Mathematik und Physik hingegen sind eher männerlastig. Aber grundsätzlich sind die jungen Damen nicht abgeneigt, wenn man ihnen die zahlreichen Möglichkeiten innerhalb der Naturwissenschaften und die ganz unterschiedlichen Türen, die sich damit öffnen lassen, aufzeigt. 

Es ist auch immer wieder die Rede vom Nachwuchsproblem in den MINT Fächern. Wo klemmt es?

Ganz ehrlich? Ich finde, sie haben in unserem Schulsystem einfach zu wenig Gewicht. Der Lehrplan ist sehr sprachlastig und man holt die Leute für die naturwissenschaftlichen Fächer zu wenig ab. Allerdings muss man meiner Meinung nach das Interesse für die MINT-Fächer schon vor dem Gymnasium wecken, sonst ist es zu spät. Ich bin überzeugt, dass man schon in der Primarschule ansetzen sollte. 

Sie haben das BioValley-College-Network mitbegründet. Hier geht es genau darum, die  Naturwissenschaften in der Schule zu stärken. Was geschieht in diesem Netzwerk genau und wie ist es entstanden?

Wir, das sind fünf Lehrer, fast alle vom Biozentrum, wurden 2003 von Novartis angefragt, ob wir Lust hätten, bei einem Austausch mit Boston mitzumachen. Dabei ging es um die Stärkung der Molekularbiologie in der Schule. Wir wollten den Schwung, den wir von dort mitgenommen hatten auf keinen Fall versanden lassen, also gründeten wir das trinationale BioValley-College-Network. Angefangen haben wir ziemlich klein, doch heute nehmen am College-Day, wo Schüler auf Experten an der Uni treffen, jährlich etwa 550 Schüler teil.  Auch die Weiterbildung für Lehrer, das Life Sciences Symposium, findet grossen Anklang und lockt 150 bis 200 Lehrer aus der ganzen Schweiz, aus Deutschland und Frankreich an. Darüber hinaus ermöglichen wir Lehrern im Rahmen eines Sabbaticals, welches von Actelion finanziert wird, für zwei bis sechs Monate in die Forschung zurückzukehren. Und schliesslich haben wir in Basel zwei Schullabore aufgebaut. 

Auch Ihr Tag hat nur 24 Stunden. Wie kriegen Sie das alles unter einen Hut?

Ich weiss es auch nicht. Mit viel Improvisationstalent (lacht). Nein, es ist heute, da meine Kinder schon neun und 14 sind, um einiges einfacher. Zudem habe ich eine sehr verständnisvolle Chefin und einen Mann, der mich sehr unterstützt. Ich mache das alles einfach extrem gern und es gibt mir viel zurück. In der Zwischenzeit habe ich auch gelernt, mal nein zu sagen. Aber ich könnte schlicht nicht einfach zu Hause sitzen. Schon die sechs Monate Mutterschaftsurlaub fand ich lang. 

Welchen Rat geben Sie Ihren Schülern mit auf den Weg?

Dass man nie weiss, wohin der Weg führt und deshalb am besten mit viel Offenheit durch’s Leben geht. Wichtig finde ich auch durchzuhalten, auch wenn es mal nicht so lustig oder spannend ist. Auch ich hatte während der Dissertation so meine Krisen, aber auch aus solchen nimmt man immer etwas mit, was einem später nützt. 


Lebenslauf

Anja Renold ist Konrektorin des Basler Gymnasiums Bäumlihof. Sie hat an der Universität Basel Biologie II studiert und ging danach für zwei Jahre als Research Assistant an das Massachusetts General Hospital in Boston. Nach ihrer Rückkehr im Jahr 1996 forschte sie vier Jahre lang am Biozentrum und schloss mit einem PhD in Biochemie ab. Im Jahr 2000 begann sie dann als Lehrerin für Biologie und Chemie am Basler Gymnasium Bäumlihof zu arbeiten. Zu Beginn dieser Zeit absolvierte sie noch ein Nachdiplomstudium in Biologie an der Universität Basel sowie den Gymnasiallehrerdiplomkurs an der Pädagogischen Hochschule Basel. 2008 wurde sie Konrektorin. Zusätzliches Rüstzeug für diese Aufgabe holte sie sich an der Universität St. Gallen mit der EDK/CAS-Schulleiterausbildung. Sie ist im Vorstand des BioValley-College-Network, dessen Ziel es ist, die Gymnasien besser mit der Forschung und der Wirtschaft zu verknüpfen.