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Einsichten und Aussichten

In nur 36 Sekunden saust der Fahrstuhl ins 38. Stockwerk des Roche-Turms. Hier, in der Pebbles Lounge, weit über den Dächern Basels, trifft Alumninews Barbara Geering, Senior Scientist bei Roche und Biozentrum Alumna, zum Gespräch. Und auch wenn die Wolken die Aussicht in 162 Meter Höhe verwehren, so gewährt uns die Wissenschaftlerin viele Einsichten in ihr Leben.  

Sie haben vor kurzem den Sprung von der Akademie in die Pharmaindustrie gewagt. War das so geplant?

Ja, dieser Schritt war schon geplant. Bis Ende 2014 hatte ich eine kleine Forschungsgruppe in Synthetischer Immunologie am «Department of Biosystems Science and Engineering» (D-BSSE) der ETH Zürich hier in Basel. Aber ich hatte mir schon länger Gedanken gemacht, wie es in Zukunft weitergehen soll – bleibe ich an der Uni oder gehe ich lieber in die Industrie? Nach einigem Für und Wider sprach mehr für die Industrie.

Was waren das für Gründe?

Es gab zwei Hauptgründe, weshalb ich mich schliesslich für die Industrie entschieden habe. Zum einen das Wissenschaftliche. Wir hatten verschiedene Publikationen in Richtung angewandter Forschung, aber an der Uni bleibt man oftmals beim Mausmodell stehen. Das fand ich schade, denn gewisse Konzepte waren einfach sehr spannend. Jetzt bei Roche ist es unser Ziel, solche Ideen weiterzuziehen und zur Anwendung zu bringen. Meine andere Überlegung betraf die Karriere. An der Uni wäre der nächste Schritt die Professur gewesen, aber da ich in Basel bleiben wollte und sich hier keine Möglichkeit ergab, fiel die Entscheidung zugunsten der Privatindustrie. 

Haben Sie den Wechsel auch schon mal bedauert?

Nein, es gefällt mir extrem gut bei Roche. Im Nachhinein frage ich mich eher, warum ich nicht schon früher diesen Schritt gemacht habe. Aber in den verschiedenen Abschnitten meines Lebens hat mir meine jeweilige Arbeit an der Uni immer gefallen.

Was hat sich im Vergleich zur Uni für Sie geändert?

Die Uni-Forschung ist schon fantastisch was die Unabhängigkeit und die Freiheit in der Wahl des Themas betrifft. Das ist in meiner Position jetzt anders, ich bin viel mehr fremdgesteuert. Ich habe mehr Besprechungen und bin neben meinen Hauptprojekten in eine ganze Reihe verschiedener Nebenprojekte involviert. Was ich jetzt bei Roche sehr geniesse, ist das Gefühl, dass wir zusammen etwas erreichen wollen. Von allen Seiten bekomme ich Unterstützung. An der Uni, so fand ich, musste ich für mich schauen. Es gab immer wieder kleine Kämpfe auszufechten: Wo ist dein Platz auf der Publikation? Wie viel Platz hat man im Labor? Und letztlich konkurriert man mit seinen Kollegen ums gleiche Geld. Da kann die Kollegialität stückchenweise verloren gehen.

Es heisst, dass man als langjährige Forscherin an der Uni nur schwer eine Stelle in der Industrie bekommt. Wie war das bei Ihnen?

Ich glaube, ich hatte Glück. Vor circa vier Jahren hatte Roche das Department Immunologie in Amerika geschlossen und entschieden, dies in Basel 2014 wieder aufzubauen. Im gleichen Jahr hatte ich meinen Entschluss gefasst, der Hochschule den Rücken zu kehren. Die Ausschreibung für einen Senior Scientist im Bereich Immunologie war dann auch die erste Stelle, die ich überhaupt gesehen habe. Ich habe mich natürlich beworben. Nach fast einem Jahr, solange hat sich der Prozess hingezogen, habe ich die Stelle tatsächlich bekommen. 

Wie sieht Ihre Arbeit als Senior Scientist aus?

Eigentlich ist meine Arbeit jetzt gar nicht so viel anders als damals im D-BSSE. Ich generiere die Ideen, diskutiere die Resultate und gebe Input wie sich das Projekt forschungsmässig entwickeln soll. Was sich geändert hat, ist die Art und Weise, wie ich arbeite. In unserer Einheit «Immunology and Inflammation» arbeiten wir mit dem sogenannten Matrix-System. Wir haben also kein festes Team, sondern ein Pool an Research Associates, die projektbezogen zugeteilt werden. Dazu kommen noch Experten aus der Pharmakologie oder Chemiker, je nach Bedarf, oder auch externe Fachleute. Das funktioniert wie ein Baukastensystem. Immer dort, wo gerade Bedarf ist, wird das Team weiter aufgebaut.

Und woran arbeiten Sie thematisch?

Wir untersuchen Entzündungsreaktionen bei Menschen, die an Autoimmunerkrankungen leiden. Im Normalfall wird das Immunsystem zum Beispiel durch schädliche Bakterien oder Viren aktiviert und nach erfolgreicher Beseitigung der Eindringlinge wieder heruntergefahren. Bei Autoimmunerkrankungen ist das Immunsystem jedoch ständig in Alarmbereitschaft und findet den Ausweg aus der Aktivierung nicht. Wir versuchen nun, die Immunzellen so zu beeinflussen, dass sie ihre eigenen Mechanismen nutzen, um die Entzündungsreaktion wieder zu stoppen und hoffen damit neue Behandlungsansätze zu finden.

Ihre ersten eigenen Schritte in der Forschung haben Sie bei Urs Jenal am Biozentrum gemacht…

Ja, weil ich ihn und seine Gruppe beeindruckend fand. Seine Vorlesungen hat er sehr spannend gehalten, er war richtig enthusiastisch. Das hat mir imponiert. Es war also gar nicht so sehr das Thema, was mich gereizt hat. Auch bei meinen späteren Karriereschritten war ich jeweils relativ flexibel bei der Wahl des Themas. Die Forschungsumgebung, aktuelle Fragestellungen, der Einsatz von Technologien waren oftmals ausschlaggebend, aber vor allem arbeite ich gerne in einer optimistischen Umgebung, wo die Leute Spass am Arbeiten, Forschen und Entdecken haben.  

Und warum haben Sie in seiner Gruppe nicht gleich noch den PhD drangehängt?

Ich wollte damals weg aus Basel, am liebsten ins englischsprachige Ausland. Mein Mann und ich haben uns einen Ort ausgesucht, an dem wir beide arbeiten konnten. Unsere Wahl fiel auf London. Ich habe bei Bart Vanhaesebroeck am Ludwig Institute for Cancer Research, University College London, eine PhD-Stelle bekommen. Auch Bart war wieder so ein enthusiastischer Forscher. 

Wie war die Zeit in London für Sie?

London war fantastisch, in Bezug auf die Forschung, aber auch kulturell. Es ist zudem ein toller Ort, um interessante Leute kennenzulernen. Die Internationalität, das Kulinarische und die Kulturangebote vermisse ich auch jetzt noch öfters.

Haben Sie mit Beruf und Familie noch so etwas wie freie Zeit?

Unsere Kinder sind noch klein und mit einem hundert Prozent Arbeitspensum finde ich es tatsächlich schwierig, Zeit für mich freizuschaufeln. Da hilft es, dass wir bei Roche dank Jahresarbeitszeit flexibel arbeiten können, und vor allem, dass die Grosseltern in der Region wohnen. 

Lebenslauf 

Barbara Geering arbeitet als Senior Scientist bei Roche im Bereich «Pharmaceutical Research & Early Development» in der Unit «Immunology and Inflammation». Bis zu ihrem Wechsel in die Pharmaindustrie im Jahr 2015 ging sie den klassischen Weg der Uni-Karriere. Sie studierte Biochemie an der Universität Basel und machte ihr Diplom in der Gruppe von Prof. Urs Jenal am Biozentrum. Nach ihrer Promotion am «Ludwig Institute for Cancer Research» in London im Jahr 2006 kehrte sie in die Schweiz zurück und forschte zunächst als Postdoc an der Universität Bern und später als Oberassistentin am «Departement of Biosystems Science and Engineering» der ETH Zürich. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern (3 und 5) in Basel.