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Vom Blockkurs zum Kochkurs

Im Blockkurs hiessen sie nur die «Nirvanas». Im Kochkurs, zwanzig Jahre später, waren die Haare zwar kurz, aber jeder wieder in seiner alten Rolle. Biozentrum Alumnus Björn Grünenfelder fallen viele solcher Geschichten ein − von früher und heute. Nur die anbrechende Nacht setzt unserem langen und doch kurzweiligen Gespräch ein Ende.

Ihre familiären Wurzeln liegen in Schweden. Wie eng sind Sie mit dem Land verbunden?
Ich selbst bin in Luzern geboren und aufgewachsen, aber meine Mutter ist Schwedin und der Rest ihrer Familie lebt dort. Schwedische Traditionen pflege ich eigentlich nicht, ausser Weihnachten, das feiern wir nach schwedischem Brauch. Auch zieht es uns jedes Jahr in den Sommerferien nach Schweden. Verwandtschaftsbesuche stehen dann meist auch mit auf dem Programm. Und ich habe während meines Studiums eine super Zeit in Schweden verbracht.

Was haben Sie dort gemacht?
Am Ende des Studiums, das war Mitte der 1990er Jahre, hatte ich mich bewusst dazu entschlossen, für meine Diplomarbeit nach Schweden zu gehen. Ich habe ein Jahr in Uppsala gelebt und an der Uni gearbeitet. Dass ich fliessend Schwedisch spreche, war sicher von Vorteil. Ich habe in einer Fünfer-WG im Studentenwohnheim gewohnt. Einer meiner Mitbewohner war Physiker, mit ihm bin ich immer noch in Kontakt. Ich habe damals sehr viel gearbeitet, aber das Leben kam dabei auch nicht zu kurz. Die Schweden wissen, wie man Feste richtig feiert.

Und wie sind Sie ausgerechnet auf Uppsala gekommen?
 Ich hatte von Anfang an die Region um Stockholm ins Auge gefasst. Als ich studierte gab es das Internet, so wie es heute existiert, noch nicht. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich Martin Spiess nach dem EMBO-Verzeichnis gebeten habe. Dort standen alle Anschriften der Mitglieder drin. Ich habe mir dann diverse schwedische Professoren rausgesucht und sie per Fax angeschrieben. Damals gab es im ersten Stock des Biozentrums ein öffentliches Faxgerät. Ich bin jeden Tag ein zweimal dorthin gegangen und habe geschaut, ob mir jemand zurückgefaxt hat. Meine Kommilitonen vom Blockkurs haben die Gelegenheit beim Schopfe gepackt, um mir einen Streich zu spielen. Sie haben mir ein «Fake-Fax» geschickt, in dem stand, dass ich Elch-Elektrophorese machen könnte. Als ich beim Lesen alle hinter mir Kichern hörte, war alles klar.

Apropos Blockkurs. Wie haben Sie den erlebt?
Ich glaube, es hat sich bis heute nicht viel verändert. Wir hatten ein Jahr lang Blockkurse in den verschiedenen Forschungsdisziplinen. Wir standen von morgens bis abends im Labor und haben das ganze Rüstzeug für wissenschaftliches Arbeiten erlernt. Die intensive Zeit hat uns aber auch eng zusammengeschweisst. Wir waren vierzig Studenten, die Experimente haben wir immer in Gruppen durchgeführt… es war wohl eher ein Nachkochen. Meine Gruppe bestand nur aus langhaarigen Männern und so kamen wir zu unserem Namen: «Die Nirvanas».

Treffen Sie sich noch manchmal?
Ja, vor etwa zwei Jahren hatten wir ein Jahrgangstreffen. Wir sind alle zusammen zu einem Kochkurs gegangen. Jeder hat sein Alter-Ego wieder ausgegraben und erstaunlich war, dass die Gruppendynamik beim Kochen ganz ähnlich war wie früher im Blockkurs. Wer packt mit an, wer gibt Anweisungen, wer bleibt im Hintergrund. Das war wirklich lustig. Und auch sonst sehe ich den einen oder andern aus meinem Blockkurs immer wieder.

Nach Ihrer Diplomarbeit in Schweden sind Sie ans Biozentrum zurückgekehrt. Warum?
Als ich für die Diplomprüfungen zurückkam, ist mir zu Ohren gekommen, dass ein junger Professor aus Stanford gerade am Biozentrum angefangen hatte, und dass er auf dem Gebiet forschte, welches mich auch interessierte. Dies war Urs Jenal, und so wurde ich sein erster Doktorand. Wir waren eine eher kleine Gruppe, aber es war intellektuell ausserordentlich stimulierend. Mein Promotionsthema war die Regulation des bakteriellen Zellzyklus.

Und dann kam noch ein Postdoc in den USA. Wollten Sie den akademischen Karriereweg einschlagen?
Tatsächlich hatte ich nach meiner Promotion im Hinterkopf Professor zu werden. Deshalb habe ich mich auch nach Postdoc-Stellen in den USA umgeschaut. Und ich wollte auch das Forschungsthema wechseln, denn ich hatte das Gefühl, was komplett Neues machen zu müssen. Ich habe mich also komplett umorientiert und in einem Labor für Malariaforschung angefangen. Leider lief dort alles nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Das war ein totaler Tiefpunkt. Und so wechselte ich nochmal auf ein anderes Thema in einem Zellbiologielabor. In dieser Zeit habe ich mir viele Gedanken über meine Zukunft gemacht. Ich habe mich gefragt, ob ich wirklich dreissig Jahre lang oder mehr auf demselben Gebiet arbeiten möchte. Doch ich bin eher ein Generalist als ein Spezialist. Das hat mich dazu bewogen, die akademische Karriere an den Nagel zu hängen.

Wie ging es dann weiter? Ein Wechsel in die Industrie ist ja in der Regel nicht so einfach.
Den Fuss hineinzukriegen ist gar nicht so einfach. Bei mir war eine gehörige Portion Zufall dabei. Ich sass in Kalifornien und habe eine Stelle bei Roche oder Novartis in der Schweiz gesucht. Ein fast aussichtsloses Unterfangen. Ich hatte aber das Glück, dass Novartis gerade seinen neuen Forschungsstandort in Cambridge bei Boston aufbaute, und sie über 1000 neue Stellen für Wissenschaftler geschaffen haben. Ich habe mich dann auf eine Stelle als Scientific Education Manager beworben und sie bekommen. Meine Aufgabe war es, interne wissenschaftliche Weiterbildungen aufzugleisen, Kurse zu organisieren, Postdocs zu coachen sowie der didaktische Aufbau eines Curriculums. Mit Leuten zusammenzuarbeiten und Probleme zu lösen, das liegt mir. Nach zwei Jahren wurde meine Stelle nach Basel transferiert, und wir sind mit Kind, Kegel und Katze wieder nach Basel zurückgekehrt.

Und was machen Sie heute?
Mittlerweile bin ich «Senior Global Program Manager» im Bereich Onkologie. Ich betreue klinische Studien in der späten Phase. Das heisst, ich koordiniere die verschiedenen Teams weltweit, erarbeite mit ihnen Strategien und Projektpläne, kümmere mich ums Budget und ich bin beim Aufsetzen von klinischen Studien sowie der Positionierung und Zulassung von Medikamenten involviert. Derzeit laufen in meinem Programm drei grosse Phase-3-Studien und noch mehrere kleine Studien. Allein die Phase-3-Studien, die auf fünf Jahre ausgelegt sind, kosten uns 400 Millionen Schweizer Franken. Man muss die entscheidenden Personen davon überzeugen können, dass es sich lohnt, dieses Geld zu investieren. Eine wissenschaftliche Denk- und Herangehensweise ist sehr wichtig. Ohne die Erfahrungen, die ich in der Vergangenheit gemacht habe, wäre meine Karriere nicht so verlaufen. Die Zeit am Biozentrum war eine gute Denkschule, in der wir gelernt haben, die richtigen Fragen zu stellen. Und in all den Jahren ist mir die Neugier nicht abhandengekommen.

Neugier ist das richtige Stichwort. Wann haben Sie das letzte Mal etwas zum ersten Mal getan?
Da muss ich kurz überlegen… Das ist noch gar nicht lange her. Ich habe vor kurzem mit einem Tauchkurs begonnen, gemeinsam mit einem Studienfreund – Blockkurs 1994/95. 


Curriculum vitae
Seit 2005 ist Björn Grünenfelder für Novartis tätig, anfangs als «Scientific Education Manager» und seit 2015 als «Senior Global Program Manager». Der Luzerner mit schwedischen Wurzeln studierte Molekularbiologie und Biochemie am Biozentrum der Universität Basel. Er fertigte seine Diplomarbeit an der Universität Uppsala an und kehrte als PhD-Student ans Biozentrum zurück. Nach seiner Promotion in der Gruppe von Urs Jenal forschte er als Postdoc am «The Scripps Research Institute».