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Flucht nach vorn zu neuen Ufern

Früher konnte sich Christian Sengstag niemals vorstellen, jemals etwas anderes zu machen als Forschung. Doch dann stellte man ihn vor vollendete Tatsachen: Sein Forschungsinstitut wurde geschlossen. Er trat die Flucht nach vorn an und unverhofft öffneten sich ganz neue Türen. Heute arbeitet der Biozentrum Alumnus im Vizerektorat Forschung der Universität Basel und geniesst den Gestaltungsfreiraum sowie die Nähe zur Forschung. 

Sie arbeiten seit bald zehn Jahren im Vizerektorat Forschung der Universität Basel. Welche Projekte liegen derzeit auf Ihrem Tisch?

Im Moment engagiere ich mich sehr in der Nachwuchsförderungskommission. Ich begutachte die Anträge, die beim Forschungsfond eingehen, führe Interviews mit den Bewerbern und lasse mir deren Projekte erklären. Ich finde das immer sehr spannend. Und als rechte Hand des Vizerektors Ed Constable liegen auch immer zahlreiche kleinere Projekte auf meinem Tisch. Dann kümmere ich mich noch um die Materialbestellung für die Mausstation im künftigen Neubau des Biozentrums und bin generell in alle Belange was Mäuse angeht involviert. Letzten Oktober bin ich vom Regierungsrat des Kantons Zürich in die Tierversuchskommission gewählt worden. Bei «swissuniversities» arbeiten wir an einer gesamtschweizerischen 3R-Strategie, das steht für «Reduce-Refine-Replace» bei Tierversuchen, und dem Aufbau eines 3R-Kompetenzzentrums. Und, wie schon seit Jahren, halte ich im Rahmen des «Master in Drug Sciences» wieder meine Vorlesung über genetische Toxikologie, mein altes Thema, an dem ich an der ETH Zürich einmal geforscht habe. 

Die Aufgaben sind ja extrem vielfältig…

Ja, das stimmt. Was ich dabei sehr geniesse, ist der Kontakt zu den vielen Menschen. Kürzlich habe ich einen Ausbildungstag beim «Next-Generation-Scientist-Program» der Novartis mitgestaltet und so viele interessante, hochmotivierte junge Menschen kennengelernt. Das ist ein buntes Multikulti. An diesem Programm nehmen 20 bis 25 junge Wissenschaftler aus Entwicklungs- und Schwellenländern teil und arbeiten in der Novartis für drei Monate an einem Forschungsprojekt. An einem Nachmittag erhalten sie eine Skills-Ausbildung zum Beispiel über «Scientific Integrity». Dafür stelle ich jedes Jahr das Programm zusammen und gebe auch selbst einen Überblick über die Uni Basel und die Life Sciences. Das tolle an meiner Arbeit ist auch, dass ich einen grossen Gestaltungsfreiraum habe. Ich habe 2015 zum Beispiel die UniNacht mitorganisiert – die 260 Angebote unter einen Hut zu bekommen war schon eine rechte Herausforderung. Oder auch die Organisation der Vortragsreihe Weltenreise fand ich immer super. 

Man trifft Sie auch selbst häufig an öffentlichen Veranstaltungen der Uni. Sind Sie jeweils als Besucher oder in Ihrer Funktion vor Ort? 

Sowohl als auch. Oft bin ich als Vertreter des Rektorats dort, aber es interessiert mich auch persönlich. Ich finde es toll, wie sich die Uni-Mitarbeitenden engagieren, denn ich weiss, was an Arbeit dahinter steckt und kann es entsprechend wertschätzen.

Mit Ihrer Habilitation sind Sie die akademische Karriereleiter sehr weit nach oben gestiegen. Warum haben Sie sich schliesslich doch entschieden diesen Weg zu verlassen?

Aus der Forschung auszusteigen, ist mir extrem schwer gefallen. Ich dachte, es gibt nichts Interessanteres. Ich hatte damals eine unbefristete Stelle als Forschungsgruppenleiter für Genetische Toxikologie am Institut für Toxikologie, das gemeinsam von der ETH und der Universität Zürich getragen wurde. Das war meine Traumstelle. Leider entwickelte sich die Einrichtung zu einem Probleminstitut und 1997 verkündete dann der ETH-Präsident, dass das Institut in vier Jahren geschlossen wird. Ich trat also die Flucht nach vorne an – und habe mich, obwohl ich eigentliche keine Professur anstrebte, auf solche Ausschreibungen beworben. In den Bewerbungsgesprächen hat man wohl gemerkt, dass ich nicht mit Vollblut dahinter stehe. Und so hat erstmal gar nichts geklappt. Doch obwohl diese Zeit sehr unangenehm war, hat sie mir auch mehr Freiraum gegeben. Ich besuchte viele Kurse, begann mich für e-Learning zu interessieren und merkte, dass mir Lehre sehr viel Spass macht. Schliesslich habe ich den Entschluss gefasst, einen grundsätzlichen Richtungswechsel zu wagen.

Das war ein grosser beruflicher Umbruch. Wie waren diese unsicheren Zeiten für Sie?

Die zwei Jahre, bis sich wieder etwas Neues aufgetan hat, waren hart und frustrierend. Da kamen natürlich auch Selbstzweifel auf. Aber ich war auch genügend realistisch, um zu erkennen und zu akzeptieren, dass es in der Richtung Forschung für mich nicht mehr weitergeht. Jetzt im Nachhinein bin ich glücklich über meine Entscheidung. Es hat mir viel Neues eröffnet. So habe ich als Projektleiter im Didaktik-Zentrum der ETH das Kursangebot für Studierende und Dozierende aufgebaut. Später habe ich als Leiter des NET – Network for Educational Technology– die Entwicklung des e-Learning Baukasten ELBA initiiert und vorangetrieben. Da ich die Realität der Forscher kannte, die nicht die Zeit haben, sich intensiv mit e-Learning Plattformen auseinanderzusetzen – kam diese Sammlung an einfachen Tools gut an. 

Sie haben bei Werner Arber promoviert. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

Die Stimmung im Labor von Werner Arber war grossartig und wir hatten extrem viele Freiheiten. Die Mikrobiologie war wie eine Art Familie. Ich habe also sehr gute Erinnerungen an das Biozentrum. Auch jetzt gehe ich immer wieder gerne hin. Der Geruch, von den Nährmedien, ist sogar noch der gleiche, das liebe ich. Das Lustige war, dass ich damals gar nicht realisierte, dass ich an der Uni Basel meine Dissertation mache. Ich meinte, ich promoviere am Biozentrum. Das Institut war so autark – das war ein ganz eigener Kosmos. Ganz toll fand ich, dass man auch als Doktorand voll und ganz akzeptiert worden ist. Das war sehr motivierend. 

Und wie ging es nach der Dissertation weiter?

Nach zwei Jahren als Postdoc bei Albert Hinnen bei Ciba-Geigy, wollte ich in die Vereinigten Staaten, genauer gesagt an die Westküste. Deshalb habe ich einige Unis dort angeschrieben mit der Bitte, mir die Jahresberichte zuzuschicken. Die kamen dann alle per Flugpost, damals Ende der 1980er Jahre gab es ja noch kein Internet. Ich habe dann die Leiter der Forschungsgruppen, die mich interessierten, angeschrieben, und gefragt, ob ich in meinen USA-Ferien vorbeikommen könnte. Fast alle sagten zu und wollten mich kennenlernen. Also habe ich meinen Satz Slides – noch echte Dias – eingepackt und mich auf den Weg gemacht. Ich war in San Diego, an der UC Davis und der UC Berkeley. Schliesslich bin ich mit meiner Frau und einem SNF-Stipendium in der Tasche als Postdoc nach Berkeley zu Jasper Rine gegangen.

Wie war das Forschen in den Vereinigten Staaten?

Die Zeit in Berkeley war toll. Ich habe dort wahnsinnig viel gelernt und habe es genossen wieder in einem Labor zu sein, in dem Spitzenforschung betrieben wird. Heutzutage ist es kaum noch vorstellbar, unter was für Bedingungen wir dort geforscht haben. Ich hatte nur einen winzigen Laborplatz, alles stand voll und war uralt. Es war so eng, dass man Lösungen in eckigen Flaschen aufbewahrte, weil man die dichter stellen und stapeln konnte. Auf den braunen Holzmöbeln sah man noch die Reste heruntergelaufener Lösungsmittel. Das alles war aber irrelevant für die Leute, die damals dort arbeiteten. Ihnen war einfach nur wichtig, gute Forschung zu machen. 

Für Sie bestand niemals Zweifel daran, dass Sie nach Ihrem Postdoc in die Region zurückkehren würden. Was schätzen Sie als Basler Urgestein hier besonders?

Das Multikulturelle und die Offenheit der Stadt und ihrer Bewohner schätze ich sehr. Die kulinarische Vielfalt, die Lebensfreude – auch die Lage im Dreiländereck mit ihren vielen Wandermöglichkeiten. Ich finde es toll, mitzuerleben, wie positiv sich die Stadt in den letzten zehn Jahren entwickelt hat. Sie wird fahrradfreundlicher und die Lebensqualität steigt. Basel floriert. Und als Inhaber des Museumspasses nutze ich fleissig das grossartige Kulturangebot. Die Ausstellung «Der Blaue Reiter» in der Fondation Beyeler besuche ich auf jeden Fall noch. Dass auch ein Grossteil unserer Freunde hier wohnt, macht die Region besonders lebenswert für mich. 

Lebenslauf:

Seit 2007 arbeitet Christian Sengstag im Vizerektorat Forschung der Universität Basel und ist dort für Forschungsmanagement, insbesondere was Tierversuche anbelangt, zuständig. Er studierte Biologie an der Universität Basel und promovierte anschliessend am Biozentrum bei Prof. em. Werner Arber. Ende der 1980’er Jahre forschte er als Postdoktorand bei Albert Hinnen, Ciba-Geigy, und an der University of California, Berkeley, im Labor von Prof. Jasper Rine. Von 1989 bis 1999 war er Forschungsgruppenleiter im Institut für Toxikologie der ETH und der Universität Zürich und habilitierte dort im Jahr 1994. Im Anschluss wechselte er als Projektleiter an das Didaktikzentrum der ETH Zürich und leitete von 2001 bis 2007 das Network for Educational Technology (NET) der ETH Zürich.