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Gegen den Strom

Hoch über den Dächern Tübingens, am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie, forscht Christiane Nüsslein-Volhard. Ihr wurde 1995 die höchste Auszeichnung zuteil, die man als Wissenschaftler je bekommen kann: der Nobelpreis. Die erste deutsche Nobelpreisträgerin machte auf ihrem Karriereweg auch Station am Biozentrum. ALUMNInews hat sich auf ihre Spuren begeben.

Wie kam es eigentlich, dass Sie 1975 in Basel zu forschen begannen??

Als Postdoktorandin habe ich bei Prof. Walter Gehring gearbeitet, das war von 1975 bis Anfang 1977. Ich hatte gerade in Tübingen in Molekularbiologie promoviert und wollte etwas Neues machen. Nachdem ich mit vielen Leuten geredet habe, war für mich ziemlich schnell klar, dass ich die Entwicklungsgenetik von Drosophila studieren möchte. Damals gab es nur sehr wenige Möglichkeiten und Walter Gehring ist mir als moderner Entwicklungsbiologe aufgefallen. An einem Meeting habe ich ihn gefragt, ob ich bei ihm meinen Postdoc machen kann und habe mir anschliessend ein EMBO-Stipendium besorgt. 

Was ist Ihnen aus dieser Zeit besonders in Erinnerung geblieben?

Ich habe es sehr geschätzt, dass das Biozentrum schon zu dieser Zeit so international war und, dass Walter Gehring das Geschick hatte, so viele ehrgeizige Wissenschaftler um sich zu scharen. Hier habe ich unter anderem Eric Wieschaus kennengelernt. Wir bekamen später gemeinsam den Nobelpreis. Damals haben wir sehr viel gearbeitet und die Gruppe hatte einen starken Zusammenhalt. Manchmal sind wir zum Abendessen in die Stadt gegangen und danach wieder zurück ins Labor. Eric und ich blieben über all die Jahre immer in Kontakt, auch als er in Princeton eine Professur bekam. Und ich erinnere mich noch gut an die fabelhafte, sehr nette Sekretärin, Erika Wenger. Wir treffen uns immer noch ab und an. 

Sie forschen immer noch. Welchen Fragen gehen Sie heute nach?

In den letzten Jahren habe ich mich auf die Arbeit mit Zebrafischen konzentriert. Derzeit untersuchen wir ein sehr spannendes, eher evolutionsbiologisches Phänomen: wie die Fische zu ihren Streifenmustern kommen. Bei der Evolution spielt die Gestalt der erwachsenen Tiere eine grosse Rolle. Bereits bei nah verwandten Arten weicht sie sehr schnell ab. Es ist daher interessant zu sehen, welche Gene bei der Aufspaltung und für die Andersartigkeit wichtig sind. 

Wie war es für Sie den Nobelpreis zu bekommen?

Zuerst habe ich gedacht, warum ich?

Wie haben Sie davon erfahren und wie war der Moment?

Das Komitee hat am Montag um elf Uhr morgens bei mir angerufen. Als ich den Anruf bekam, war ich erst einmal eine Weile stumm. Mich überliefen kalte und heisse Schauer. Dann Ehrfurcht, gehöre ich wirklich zu denen? Obwohl ich mir schon dachte, dass ich beim Nobelkomitee auf dem Schirm bin, war ich überwältigt. Ich habe dann gleich Eric angerufen. 

Waren Sie selbst in Stockholm?

Ja, natürlich! Die Zeremonie war überwältigend. Eric hatte seine ganze Familie dabei und ich hatte meine Geschwister mitgenommen

Haben Sie damals schon geahnt, dass Ihre Ergebnisse so bedeutsam sind?

Uns war von Anfang an bewusst, dass die Sachen, die Eric und ich angestossen haben sehr wichtig waren. Wir machten etwas Besonderes: Wir hatten die Gene identifiziert, die während der Embryonalentwicklung der Fliege für bestimmte Funktionen stehen. Mit unseren Entdeckungen haben wir einen riesen Fundus aufgetan, der auch für andere Forscher interessant war. 

Rechnet man nach so langer Zeit noch damit, für eine frühere Entdeckung einen solchen Preis zu bekommen?

1978 begannen wir das Experiment, 1980 haben wir die Ergebnisse publiziert. Der Preis kam 15 Jahre später, 1995. Das ist eigentlich eine kurze Zeitspanne für diesen Preis, verglichen mit vielen anderen. Ich war ziemlich jung für eine Nobelpreisträgerin, erst 53. Manchmal denke ich, es wäre für meine Forschung vielleicht besser gewesen, ich hätte ihn erst später bekommen. 

Wie sehen Sie sich selbst als Wissenschaftlerin?

Die Forschung und Neugier sowie die Intensität mit der ich an meine Projekte herangehe, sind mir wahnsinnig wichtig. Es ist ein innerer Drang, etwas Vernünftiges zu machen und eine Aussenwirkung zu haben. Für meine wissenschaftliche Karriere wollte ich keine Kompromisse eingehen. Ich habe gelernt, dass man seine Karriere selbst in die Hand nehmen muss. Man braucht Mut gegen den Strom zu schwimmen, etwas anderes zu machen als die Meisten.

Mit ihrer Stiftung unterstützen Sie Forscherinnen finanziell. Was braucht es Ihrer Meinung nach noch, damit sich mehr Wissenschaftlerinnen für eine Forscherkarriere entscheiden?

Wir fördern talentierte Forscherinnen, die durch die Familiengründung ausgebremst werden. Unsere Stiftung zahlt ihnen eine Haushaltshilfe, die bei der Bewältigung der alltäglichen Aufgaben hilft. Neben der finanziellen schätzen unsere Stipendiatinnen aber auch die moralische Unterstützung, die sie durch die Stiftung erfahren. Was wir noch brauchen sind familienfreundliche Institute sowie genügend und gute Betreuungsmöglichkeiten für Kinder. Hier am MPI haben wir schon 1991 eine Kita eröffnet. Mindestens genauso wichtig ist, dass alle gleich behandelt werden, egal ob Mann oder Frau, mit oder ohne Familie. 

Gab es auch auf Ihrem Karriereweg schwierige Passagen? 

Massenweise. Meine erste grosse Herausforderung war die Stelle als Forschungsgruppenleiterin am EMBL in Heidelberg. Das war schon tough, ich hatte zum ersten Mal Führungsaufgaben und Verantwortung für meine Mitarbeiter. So etwas lernt man nicht im Studium. Ich musste leider auch lernen, dass man als Frau in der Regel keinen Vorteil hat.

Pflegen Sie auch heute noch den Kontakt zu ehemaligen Kollegen? 

Ich habe im Laufe der Zeit eine Menge Freundschaften aufgebaut; zu meinen Mitarbeiterin vielleicht ein eher mütterliches Verhältnis. Letztes Jahr hatte ich meinen 70. Geburtstag. Es kamen unheimlich viele Freunde, Bekannte und Kollegen. Ansonsten treffe ich auf Tagungen natürlich ständig ehemalige Kollegen. Ich habe auch schon Konferenzen organisiert, damit alle diese Leute mal wieder zusammen kommen. 

Wenn Sie mal was anderes im Kopf haben als die Wissenschaft, dann ist es die Musik. Welche Bedeutung hat sie in Ihrem Leben?

Musik ist mein Ausgleich zur Wissenschaft und meine zweite grosse Leidenschaft. Ich liebte es schon als Kind zu musizieren. Ich hätte wohl auch Musikerin werden können – von der Intensität und vom Talent her. Und wie die Forschung, so schwirren auch Lieder und Gedichte nachts in meinem Kopf herum. 

Sie leben in Tübingen, nicht so weit weg von Basel. Sind Sie ab und an am Rheinknie anzutreffen?

Ja, ich habe dort einen Gesangslehrer, der wohnt gleich um die Ecke vom Biozentrum. Ich habe mich gerade wieder für eine Gesangsstunde angemeldet. Einmal habe ich auch nach der Stunde im Biozentrum Kaffee getrunken – diese Cafeteria gibt es immer noch.


Lebenslauf
Prof. Christiane Nüsslein-Volhard, Direktorin am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen, wurde 1942 in Magdeburg, Deutschland, geboren. Sie studierte Biochemie und promovierte 1973 an der Universität Tübingen im Fach Genetik. 1975 begann sie ihre Forschungen auf dem Gebiet der Entwicklungsbiologie von Drosophila, zunächst als Postdoktorandin am Biozentrum, anschliessend an der Universität Freiburg. Von 1978 bis 1981 leitete sie gemeinsam mit Eric Wieschaus eine Forschungsgruppe am Europäischen Laboratorium für Molekularbiologie (EMBL) in Heidelberg. Hier entdeckten sie Gene, welche die Entwicklung des Embryos von Drosophila steuern, für die sie 1995 mit dem Nobelpreis für Medizin und Physiologie ausgezeichnet wurde. Seit 1985 lebt und forscht Christiane Nüsslein-Volhard in Tübingen. Für ihre wissenschaftlichen Arbeiten erhielt sie zahlreiche hoch angesehene Preise und Auszeichnungen. Zur Unterstützung begabter Nachwuchswissenschaftlerinnen hat sie im Jahr 2004 die Christiane Nüsslein-Volhard-Stiftung ins Leben gerufen.