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Sprung ins kalte Wasser

Kaum den Master in Biochemie in der Hand, schon standen Marktanalysen, Preisstrategien und Produkteinführungen auf dem Programm.  Gabriela Güntherodt, damals Produkt Managerin,  heute Direktorin für Nordamerika bei der Wirtschaftsförderung BaselArea, wagte den Sprung ins kalte Wasser und holte sich „on the job“ und später mit einem MAS in Marketing Management und Business Administration das zusätzliche nötige Rüstzeug. Dass sie seither zwei Hüte trägt, kam ihr stets zugute.  

Sie haben Ihre Karriere als Produkt Managerin beim Medizinaltechnik-Unternehmen Synthes gestartet. Ein Sprung ins kalte Wasser?

Meine Aufgabe bestand unter anderem darin, Ärzte und Kunden wissenschaftlich zu erklären, was bei den bioresorbierbaren Produkten, für die ich zuständig war, im Patienten geschieht. Mein Biochemiestudium kam mir da natürlich sehr zugute. Das fehlende Marketing- und betriebswirtschaftliche Know-how konnte ich mir „on the job“ und in Weiterbildungen erarbeiten. Synthes hat mich dabei sehr unterstützt. Umgekehrt den naturwissenschaftlichen Background mir zu erarbeiten, wäre um einiges schwieriger gewesen. 

Sie haben auch später bei Cochlear als Produkt Managerin gearbeitet. Was hat Ihnen an dieser Art Job so gefallen?

Produkt Management ist eine sehr interdisziplinäre und lebendige Aufgabe. Man arbeitet mit sämtlichen Abteilungen im Unternehmen, von der Idee über die Entwicklung bis zur Markteinführung zusammen, und begleitet den Prozess über die ganze Wertschöpfungskette hinweg. Auch der internationale Aspekt hat mir immer sehr gefallen,  nicht nur im persönlichen Kontakt, sondern auch weil es darum ging, die unterschiedlichsten Marktgegebenheiten zu erspüren und auf sie einzugehen.  

Bei der Wirtschaftsförderung promoten Sie heute anstelle eines Produkts eine ganze Region. Inwiefern ist das anders?

Eine ganze Wirtschaftsregion ist natürlich wesentlich komplexer. Für mich ist es aber vor allem auch ein Produkt hinter dem ich mit voller Leidenschaft stehen kann, da ich in Basel aufgewachsen bin und dieses bestens kenne. Dadurch fällt es mir im Vergleich mit einem abstrakteren Produkt leichter, dieses entsprechend zu vermarkten.  Ein grosser Unterschied liegt sicher auch darin, dass ich nicht wie sonst das Produkt den Marktbedürfnissen anpassen kann, sondern dass ich es hier mit einem fix-fertigen Produkt zu tun habe, für welches ich die passenden Kunden finden muss. 

Bei der Vermarktung eines Produkts gilt es ja immer, die Unique Selling Proposition herauszuschälen. Welches ist der wichtigste USP der Region Basel, den Sie in den USA anpreisen? 

Das ist ganz klar das Basler Life-Sciences-Cluster. Und damit schliesst sich auch wieder der Kreis zu meinem Studium (lacht). Es ist die Kombination aus Universität, hochkarätigen Forschungseinrichtungen und Top Pharmafirmen, aber natürlich auch die hohe Dichte an Life Science Unternehmen und dem entsprechend grossen Talent-Pool. Dazu kommt die geografische Lage im Dreiländereck, mitten in Europa. Ein weiteres wichtiges Argument gerade in Amerika ist, dass Basel als Life-Sciences-Standort eine lange Tradition hat und nicht erst in den letzten paar Jahrzehnten entstanden ist. Auch einen Blick auf die Investitionen, die hier getätigt werden ‒ sei es, um nur die prominentesten Bespiele zu nennen, der Roche Tower, der Novartis Campus oder der Swiss Innovation Park ‒  lohnt sich, denn sie besagen klar: Hier glaubt man an die Zukunft. Und wenn ich erkläre, dass ein Zehntel des weltweiten  Umsatzes des Pharmamarktes hier in der Region Basel generiert wird, dann ist das im Verhältnis zur Grösse schon sehr beeindruckend. 

Wie gehen Sie vor, um die Bekanntheit Basel’s als Wirtschaftsstandort in den USA zu steigern? 

Wir fahren keine breit angelegten Imagekampagnen, das würde unsere Mittel auch gar nicht erlauben. Vielmehr gehen wir ganz gezielt auf potenzielle Investoren zu. Ich nehme zum Beispiel regelmässig an Konferenzen teil, welche auf Life Science Unternehmen und Investoren ausgerichtet sind, und suche dort das persönliche Gespräch mit diesen. Im Rahmen von Roadshows besuchen wir auch direkt Firmen vor Ort, um ihnen die Wirtschaftsregion näher zu bringen. Das Vorgehen ist hier aber natürlich sehr selektiv. Wir klären im Vorfeld ab,  ob eine Firma grundsätzlich eine internationale Expansion in Betracht zieht und ob Basel dafür auch in Frage kommt. Von Vorteil ist natürlich immer, wenn ein CEO oder CFO in seiner Laufbahn bei Roche, Novartis  oder als Postdoc am Biozentrum gearbeitet hat, und Basel bereits kennt und eine emotionale Bindung besteht.

Welche Firmen konnten Sie bereits nach Basel bringen?

Die letzten waren sehr spannende Firmen im Bereich Biotech, Venture Capital und Bioinformatik. Doch der Erfolg braucht in der Wirtschaftsförderung seine Zeit. Ein Investitionsentscheid kann bis zu vier Jahre dauern und wird von sehr vielen Faktoren beeinflusst, darunter auch von den Steuern. 

Macht Ihnen der starke Franken bei der Ansiedlung von Firmen zu schaffen?

Im USA Business fällt dieser weniger ins Gewicht, da das Mutterhaus ja weiterhin in Dollar rapportiert und die wenigsten die Produktion, sondern viel mehr Headquarter Funktionen hierher bringen. Aber die Kumulation von starkem Franken, Masseneinwanderungs-Initiative und sonstigen Regulationen, kurz die ganzen Rahmenbedingungen, machen das Business nicht einfacher. Und auch wenn wir mit der Region Basel ein grossartiges Produkt zu verkaufen haben, darf man nicht vergessen, dass der Wettbewerb ständig zunimmt. Immer mehr Players buhlen um die Firmen und jeder würde gerne so was wie „Google“ bei sich ansiedeln.  

Macht es für Sie mit Ihrem naturwissenschaftlichen Hintergrund einen Unterschied, ob Sie eine Firma im Bereich Life Sciences oder aus einer anderen Branche betreuen?

Schon. Wir haben oft sehr innovative Life Science Firmen und da hilft es mir, und die Firma freut es natürlich auch, wenn ich verstehe, was sie macht. Auch kann ich das Produkt Basel besser verkaufen, weil ich zum Beispiel weiss, ob es eine Forschungsgruppe am Biozentrum gibt, mit der eine Kollaboration möglich wäre, oder welche Firmen hier bereits in diesem Bereich tätig sind. Ich kann so die Kunden einfach noch individueller beraten. 

Sie vermitteln auch Immobilien. Wie finden Sie für jeden Kunden das geeignete Objekt?

Wir haben ein Immobiliennetzwerk von rund 200 Partnern, in welches ich die Anforderungen des Kunden einspeisen kann. Das reicht von ein paar Quadratmeter Bürofläche, über Laborräumlichkeiten bis hin zu einem grossen Stück Bauland.  Und wir wissen natürlich auch selbst bis zu einem gewissen Grad, was wo vorhanden ist.  

Was macht Ihnen an Ihrem heutigen Job am meisten Spass?

Wie schon gesagt, gefällt mir das Produkt Basel unheimlich gut und es ist schön, etwas dazu beitragen zu können, dass Basel seinen hohen Level hält. Und während ich früher als Produkt Managerin einen detaillierten Einblick in die Abteilungen eines einzelnen Unternehmens gewinnen konnte, befasse ich mich jetzt mit zahlreichen ganz unterschiedlichen Unternehmen, Kulturen und Technologien.  Das empfinde ich als eine unheimliche Bereicherung. 

Sie sind nach Ihrem Biochemiestudium direkt in die Wirtschaft gegangen und haben 2011 auch noch ein MAS in Marketing Management und Business Administration absolviert. Wie kamen Sie ursprünglich auf Biochemie und würden Sie diese wieder aus Ausgangslage wählen? 

Mich haben die Naturwissenschaften schon immer fasziniert. Das Biologie II Studium, war damals schon ein sehr modernes Studium, bei dem man am Puls der Forschung war und zwar nicht nur im Labor, sondern auch in den Vorlesungen.  Da wurden keine zehn Jahre alten Lehrbuchinhalte vermittelt,  vielmehr ging es um hoch aktuelle Themen. Und mich haben auch die Werkzeuge, die Denk- und Vorgehensweise, die man dort lernte, fasziniert. Mit Biochemie konnte ich ein Grundverständnis für Medizin, Pharmazie und ganz allgemein die Life Sciences erwerben, welches mir in meiner ganzen beruflichen Laufbahn unheimlich weitergeholfen hat.  Meine Kenntnisse in Marketing und Betriebswirtschaft konnte ich ja später „on the job“ und mit meinem Zweitstudium erwerben. Biochemie hingegen, kann man nicht einfach so noch nebenbei erlernen. Und beide Hüte aufzuhaben schätze ich sehr, denn man kann zwischen Wirtschaft und Wissenschaft übersetzen und vermitteln. So hat man zum Beispiel ein ganz anderes Verständnis dafür, warum gewisse Prozesse in einer Pharmafirma so lange dauern. Umgekehrt muss man auch die Forscher in einem Unternehmen hin und  wieder darauf hinweisen, dass das Ziel in der Anwendung liegt.  Kurz, ich würde diesen Weg jederzeit wieder genauso wählen. 

Lebenslauf

Gabriela Güntherodt ist seit 2013 bei BaselArea, der Wirtschaftsförderung der Kantone Basel-Stadt, Baselland, Jura sowie dem Fricktal für den Markt Nordamerika zuständig. Zuvor arbeitete sie als Senior Product Manager bei Cochlear, einem internationalen Unternehmen für implantierbare Hörgeräte, als Programm Manager Nanotechnology im Private Banking Sektor der Credit Suisse, sowie als Product Manager beim Medizinaltechnik-Unternehmen Synthes. 2002 schloss sie ihren Master in Biochemie am Biozentrum ab. 2011 folgte ein MAS in Marketing Management und Business Administration, ebenfalls an der Universität Basel, wo sie danach auch zeitweise als Dozentin für Produkt-Management am Wirtschaftswissenschafts-Zentrum (WWZ) lehrte.