IT: Navigation mit Access Keys

Main Content

Main Content

Von der Laborbank auf die Politbühne

Morgens radelt er in sein Büro am Münsterplatz in Basel. Telefoniert und geschrieben wird dort – wie in Büros sonst üblich – jedoch kaum. Dafür werden im halbstunden Takt Entscheide gefällt und Aufträge erteilt, um weiterhin an Basel’s Antlitz feilen, seine Wege pflastern und die Verkehrsströme lenken zu können. Biozentrum Alumnus Hans-Peter Wessels ist Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt und Vorsteher des Verkehrs- und Baudepartements. Aus einem einstigen Stubenhocker ist so eine öffentliche Person geworden. 

Sie sind bereits als Teenager einer Partei beigetreten. Wie kam es dazu? 

Seit ich mich erinnern kann habe ich mich für Politik interessiert. Schon als kleiner Knirps fand ich die Nachrichten total spannend. Und dann rückten zwei Themen in mein Blickfeld, die mich noch heute faszinieren: Die Migrations- und die Umweltpolitik. Bis ich sechs war, lebten wir in Kanada. Auch zu Hause sprachen wir Englisch. Als ich 1968 in der Schweiz eingeschult wurde, musste ich die erste Klasse wiederholen, weil ich, so die Lehrerin, ein aussergewöhnlich dummes Kind sei. Dabei konnte ich einfach noch nicht genügend Deutsch. Es erging mir wie auch heute noch vielen fremdsprachigen Kindern.

Stark geprägt hat mich auch, dass ich schon früh viel gelesen habe. Ich war ein richtiger Stubenhocker und habe massenweise populärwissenschaftliche Literatur verschlungen. Sie war es auch, die mein Interesse für Umweltfragen geweckt hat. Mit 19 bin ich dann der Sozialdemokratischen Partei beigetreten. Kurz darauf ging es nach Zürich an die ETH, wo ich studentenpolitisch sehr aktiv war. Der Spassfaktor war dabei allerdings immer ziemlich wichtig und hoch. Wirklich politisch aktiv wurde ich erst, als ich mit 24 nach Basel zog. 

Sie haben Biochemie studiert. Wären bei Ihrem Interesse an Politik andere Studienrichtungen nicht naheliegender gewesen?

Für mich kamen nur die Naturwissenschaften in Frage. Seit meiner Stubenhockerzeit war ich darauf fixiert. Ursprünglich wollte ich Physik studieren, aber als dann langsam die Gentechnologie aktuell wurde, begann ich mich für Biologie zu begeistern. Schliesslich wurde es die Biochemie. Ich fand das Studium enorm bereichernd.

Sie sind jetzt Vorsteher des Bau- und Verkehrsdepartements. Das scheint inhaltlich relativ weit weg. Bringt Ihnen Ihr Studium im jetzigen Alltag trotzdem etwas?

Ich denke schon. Als Naturwissenschaftler hat man eine sehr gute Grundlage, um sich auch in andere Gebiete hineinzudenken, Sachen zu abstrahieren und komplexe Systeme zu analysieren. Grundsätzlich hat mein Studium meine Art zu denken geprägt und davon profitiere ich auch noch heute. 

Sie haben in den unterschiedlichsten Bereichen gearbeitet. Wie war das für Sie, immer wieder in ganz andere Themen einzutauchen? 

Die Themen waren zwar recht unterschiedlich, aber ich habe mich eigentlich immer im Dreieck Wissenschaft – Politik – Kommunikation bewegt. In gewissen Phasen stand einfach mehr das Eine, in andern das Andere im Vordergrund. Jetzt ist es die Politik. Hier nützen mir aber auch meine Erfahrungen in der Kommunikation und obwohl die Wissenschaft im Moment zu kurz kommt, denke ich, dass es gerade einem Life Science Standort wie Basel gut tut, wenn auch Naturwissenschaftler in der Politik sind. Ich habe bei gewissen Fragen gedanklich einfach eine andere Herangehensweise als ein Jurist oder ein Ökonom. 

War für Sie schon immer klar, dass Sie mal Vollblut- und Ganztags-Politiker werden möchten?

Ich kann mich nicht wirklich erinnern, aber ein Jugendfreund meinte bei meiner Wahl zum Regierungsrat, dass ich schon als Teenager hierhin wollte. Es stimmt schon, dass ein Exekutivamt mich schon als junger Politiker interessiert hat, aber ich habe es nie gezielt angestrebt. Schliesslich ergab sich die Chance für dieses Amt zu kandidieren, als ich schon lange nicht mehr damit gerechnet habe.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Was mich immer wieder amüsiert, ist, dass ich noch nie in einem Job so wenig telefoniert und gemailt habe wie im jetzigen. Mein Tag ist in der Regel von Besprechungen geprägt, die von morgens früh bis abends spät ohne Lücke im Halbstunden- oder im Stundenrythmus aufeinander folgen. Dabei geht es primär darum, dass die Mitarbeitenden aus meinem Departement meinen Entscheid in einer Angelegenheit brauchen, mich über etwas informieren oder Aufträge erteilt werden müssen. Das läuft fast immer mündlich. Und dann gibt es natürlich auch sehr viele Repräsentationsanlässe und auswärtige Sitzungen.

Kommen Sie überhaupt noch zum Ausspannen und Abschalten? 

Die langen Präsenzzeiten sind schon ein Thema. In der Regel bin ich drei bis vier Abende pro Woche weg. Was ich wirklich auf einem absoluten Minimum zu halten versuche, sind Verpflichtungen am Wochenende. Diese Zeit ist für mich, meine Familie, zum Radfahren und Spazieren und wenn ich ehrlich bin, um in Ruhe zu arbeiten. 

Sie sind nun eine öffentliche Person. Hat das ihr Leben verändert?

Ja schon. Ich werde von vielen Passantinnen und Passanten erkannt. Wildfremde Leute begrüssen mich mit Namen und wenn ich am Samstag im Quartier einkaufen gehe, weiss der halbe Laden wer ich bin. Einige schauen dann auch ganz genau in meinen Einkaufswagen. Man verliert also ein Stück weit seine Privatsphäre, aber man gewöhnt sich auch dran. Und wenn ich dann mal wieder inkognito unterwegs sein möchte, muss ich ja zum Glück nur über die Kantonsgrenze gehen. 

Zurück in Ihre Vergangenheit: Nach Ihrer Dissertation am Biozentrum gingen Sie direkt in die Beratung. War die Laborbank keine Option für Sie?

Ich fand meine Dissertation super spannend und hatte eine extrem gute Zeit am Biozentrum. Im Laufe der Zeit wurde mir allerdings bewusst, dass ich entweder eine Topforscher-Karriere oder dann lieber gleich etwas anderes machen möchte. Für ersteres hätte ich mich 200% auf meine Forschungstätigkeit konzentrieren müssen – auch das wäre noch keine Garantie gewesen – und das hätte nicht meinem Naturell entsprochen. Meine Interessen sind einfach zu breit gefächert. 

Im Jahr 2000 zog es Sie als Geschäftsführer des Pharmazentrums wieder in die engste Nachbarschaft des Biozentrums. Lässt Sie das Biozentrum nicht los?

Es scheint so. Für mich war es wirklich schön, eine Menge Leute aus der Doktorandenzeit wieder anzutreffen. Die Doktoranden waren inzwischen natürlich über die ganze Welt verstreut, aber einzelne Professoren und wissenschaftliche Mitarbeiter und vor allem die Leute in der Administration, der Cafeteria, an der Pforte und vom Hausdienst waren immer noch da. Und ich finde es schon fast skurril, dass ich nun als Basler Baudirektor die Federführung für den Biozentrum Neubau habe, den wir zusammen mit Baselland realisieren. Ich freue mich jetzt schon auf die Grundsteinlegung und finde es toll, dass ich zumindest über diesen Grossbau mit dem Biozentrum weiter in Verbindung stehe. 

Löst dieser Bau bei Ihnen etwas anderes aus als andere Baustellen in Basel? 

Ja schon, wenn ich ehrlich bin. Wir haben zurzeit ein riesen Projektportfolio an äusserst spannenden Neubauten, aber beim Biozentrum gibt es eine besondere emotionale Verbundenheit. 

Lebenslauf
Hans-Peter Wessels ist seit 2009 Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt und Vorsteher des Bau- und Verkehrsdepartements. Bereits mit 19 Jahren trat er der Sozialdemokratischen Partei bei. Mit 29 wurde er Mitglied des Grossen Rates des Kantons Basel-Stadt, wo er sich über 11 Jahre engagierte. Sein beruflicher Werdegang führte Hans-Peter Wessels zuerst zum Studium an die ETH Zürich. 1990 promovierte er am Biozentrum in Biochemie bei Martin Spiess. Nach seiner Beratertätigkeit in den Bereichen Ökologie und Public Relations kehrte er 1995 wieder an die ETH Zürich zurück. Hier begannen sich Wissenschaft und Politik zu vermischen: Zunächst bekleidete er die Stabsstelle Wissenschaftspolitik am Departement Umweltnaturwissenschaften, darauf folgten die interimistische Leitung des Schweizerischen Hochleistungsrechenzentrums der ETH im Tessin und ein Lehrauftrag im Bereich Technologieethik und –politik. Im Jahr 2000 zog es ihn sodann als Geschäftsführer des Pharmazentrums Basel-Zürich in die unmittelbare Nachbarschaft des Biozentrums zurück. Von 2006 bis zu seiner Wahl zum Regierungsrat war er Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung beider Basel.