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Eine Frage der Perspektive

In Tansania wartet man klaglos fünf Stunden auf den Zug. In Schweden wird zwei Monate Sommerpause gemacht. In der Schweiz dagegen wird diese Zeit effizient genutzt. Michaela Roth beeindruckt ein so unterschiedliches Zeitverständnis. Durch ihre Zeit im Ausland betrachtet die Biozentrum Alumna heute Vieles aus einer anderen Perspektive. 


Sie sind vor vier Jahren von Basel nach Lund gezogen. Was ist das für eine Stadt?

Lund ist eine reine Universitätsstadt. Sie hat ungefähr 90.000 Einwohner, über die Hälfte davon sind Studenten. Die Hälfte der Stadt nimmt die Universität ein, die Wohnheime, Forschungsinstitute und das Spital. Es ist fast wie ein Campus, mit einem berüchtigten Studentenleben. Die Stadt und Uni-Gebäude, viele aus rotem Backstein, sind sehr schön und alt. Es hat fast etwas Harry-Potter-mässiges.

Ging es nach deinem Master am Biozentrum gleich Richtung Norden?
Nein, da ich nach meinem Abschluss nicht unbedingt einen PhD anschliessen wollte, habe ich ein viermonatiges Praktikum am SwissTPH gemacht und war in Tansania unterwegs.


Spannend, was haben Sie dort erlebt?
Tansania war eine extrem wichtige Erfahrung für mich. Ich war bei Claudia Daubenberg in der Forschungsgruppe, die eng mit dem Ifakara Health Research Center zusammenarbeitet und eine klinische Studie zu einem Malariaimpfstoff am Laufen hatte. Ich bin zu zwei ihrer PhD-Studenten nach Bagamoyo, einem kleinen Fischerdörfchen etwa drei Stunden nördlich von Dar es Salaam, gereist. Obwohl die Labore recht modern waren, hatten wir mit alltäglichen Problemen zu kämpfen. Einmal pro Tag fiel der Strom aus. Und wir mussten oftmals um unsere Proben bangen, weil der flüssige Stickstoff nicht rechtzeitig geliefert wurde. Lustig war es, wenn die Affen bis zu uns in den Pausenraum kamen und Schabernack trieben. An den Wochenenden bin ich viel umhergereist. Ich war beeindruckt davon, wie friedlich die Menschen verschiedener Religionen zusammenleben und wie entspannt die Leute sind. Es herrscht ein ganz anderes Zeitverständnis. Wenn der Zug fünf Stunden später kommt, was soll’s. Darüber regt sich keiner auf.

Hat diese Zeit Ihre Pläne für die Zukunft beeinflusst?
Ja, sehr. Am Abend wurde es gegen sechs Dunkel und man sollte dann nicht mehr draussen unterwegs sein. So hatte ich viel Zeit, mir über die Zukunft Gedanken zu machen. Damals habe ich gemerkt, dass ich die angewandte Forschung spannender finde und dass ich im Ausland arbeiten möchte. Und so habe mich auf die Suche nach einer geeigneten PhD-Stelle gemacht. Noch in Tansania hatte ich meine ersten Skype Interviews.

Von Tansania nach Schweden – ein Kulturschock?
So kann man es nicht ganz bezeichnen, aber die Schweden sind schon anders. Eher wie wir Schweizer, extrem freundlich und hilfsbereit, aber reserviert. Ich habe einen schwedischen Freund, dadurch bin ich viel mehr in die schwedische Gemeinschaft hineingekommen. Das war ein Glücksfall.

Sie arbeiten seit vier Jahren an Ihrem PhD-Projekt, stehen also kurz vor dem Abschluss. Was ist Ihr Highlight?
Dass wir ein Protein gefunden haben, welches  Perizyten länger am Leben erhält und die Überlebenschance beim Schlaganfall verbessert. Perizyten sind Zellen, die die Blutgefässe umkleiden. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung der Blut-Hirn-Schranke. Beim Schlaganfall sterben die Perizyten ziemlich schnell ab und viele Moleküle, die den Zustand eher verschlechtern, überwinden diese Barriere. Wir forschen am Mausmodell, untersuchen aber auch Proben von Schlaganfallpatienten.

Wie kommen Sie an die Proben. Oftmals sind das doch Notfallsituationen.
Das ist richtig. Ich habe jederzeit mein Handy parat und wenn es läutet, muss ich sofort los. Trotzdem finde ich es sehr spannend so angewandt zu arbeiten und zu erfahren, wie lange es doch dauert, so ein klinisches Projekt aufzugleisen.

Und wie geht es jetzt weiter?
Ich stehe kurz vor dem Abschluss meines PhDs. Am 25. Oktober habe ich meine Prüfung. Bei uns machen wir den PhD kumulativ, das heisst, wir müsse eine gewisse Anzahl an Publikationen vorweisen und die dann zusammenfassen. Ganz zum Schluss gibt es dann noch eine öffentliche Verteidigung, die sich über mehrere Stunden hinzieht. Der Gedanke daran, macht mich schon etwas nervös. Nach meinem Abschluss möchte ich gerne in die Industrie wechseln.

Um was zu machen?
Durch die klinischen Studien an denen ich hier und in Afrika beteiligt war, ist mir klar geworden, dass ich gerne Richtung Studienkoordination oder – dokumentation gehen möchte.

Das sind ziemlich konkrete Vorstellungen.
Ja, wir werden hier während des PhDs relativ gut auf später vorbereitet. Es gibt regelmässig Seminare und auch ein Mentoringprogramm, welches auf zukünftige Karriereentwicklung ausgerichtet ist. Für mich steht auch fest, dass ich noch nicht direkt in die Schweiz zurückkomme, obwohl sich meine Familie darüber freuen würde. Ins englischsprachiges Ausland zu gehen, ist natürlich eine attraktive Option, leider ist bei Grossbritannien die derzeitige Lage recht ungewiss.

Ist Schweden denn so anders als die Schweiz?
Ich finde es extrem interessant zu erleben, dass, obwohl wir mitten in Europa sind, hier vieles komplett anders sein kann. Die grossen Unterscheide zwischen Sommer und Winter werden mir wohl ewig in Erinnerung bleiben. In der dunklen Jahreszeit spielt sich das Leben nur innen ab. Aber sobald die Sonne und Wärme kommt, zieht es die Menschen nach draussen. Alle geniessen die langen Abende und die lange, zweimonatige Sommerpause.

Läuft in dieser Zeit noch etwas?
Von Juni an ist alles off. Auch an der Uni nehmen die Angestellte und viele Professoren vier bis sechs Wochen Urlaub. In dieser Zeit ist es schwierig die Reagenzien oder anderes zu bekommen. In den meisten Firmen läuft der Betrieb nur auf Sparflamme. Und so muss man bereits im Mai mehr oder weniger planen, dass man zur Sommerpause alles hat. In der Schweiz unvorstellbar.

Ist das auch die Gelegenheit für Sie Pause zu machen?
Die PhD-Studenten und Postdocs arbeiten natürlich weiter (lacht). Da ich in Malmö wohne, lebe ich ganz nah am Meer. Wenn ich dort an den Strand gehe, fühlt es sich immer wie kleine Ferien an. Ich hatte aber auch schon Zeit in Schweden herumzureisen. Letztes Jahr waren wir ganz im Norden Ski fahren. In Lund gibt es, entgegen meinen Erwartungen, leider kaum Schnee. Ansonsten wandere ich viel. Es gibt hier einen Haufen Fernwanderwege. Anfangs fand ich es aber schon ein wenig komisch, dort zu wandern, wo es flach ist. Die Gipfel fehlten mir.

Und, schon mal einem Elch begegnet?
Hier im Süden von Schweden, in Schonen, gibt es kaum Elche. Die Gegend wird intensiv landwirtschaftlich genutzt, Wälder sind daher rar. Aber bei einer Wanderung in Nordschweden sind wir so lange umhergelaufen, bis wir einen gefunden haben. Einen Elch in freier Wildbahn zu sehen, war dann auch sehr ergreifend.

Curriculum vitae
Seit 2015 forscht Michaela Roth am Departement für Klinische Wissenschaften an der Universität Lund, Schweden. In wenigen Monaten wird sie ihren PhD in Translationaler Neurologie abschliessen. Bevor sie nach Schweden ging, studierte Michaela Roth Molekularbiologie am Biozentrum und schloss 2013 ihr Studium mit einem Master in der Gruppe von Prof. Clemens Cabernard ab. Anschliessend absolvierte sie ein Praktikum am Swiss Tropical and Public Health Institute (SwissTPH) in Basel und führte Feldstudien in Tansania durch.