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Kein Plan B

Das Handtuch zu werfen, kam ihm nie in den Sinn, trotz heftiger Tiefschläge. Denn Scheitern ist kein Beinbruch. Und so hat Santhera-Chef Thomas Meier auch niemals einen Plan B in der Schublade. Am Biozentrum war er der erste Forscher, der sein eigenes Start-up gegründet hat. Mit vollem Risiko und Erfolg. Seiner Hartnäckigkeit ist es auch zu verdanken, dass das einst fast sinkende Schiff Santhera nun wieder auf Kurs ist. 

Sie waren Forschungsgruppenleiter am Biozentrum und sind jetzt Chief Executive Officer der Biotechfirma Santhera. Womit begann alles? 

Vor 15 Jahren habe ich meine erste Firma MyoContract gegründet. Wir waren damit das erste Start-up-Unternehmen, das am Biozentrum gegründet wurde. Ein absolutes Novum. Die Idee, am Biozentrum ein Unternehmen anzusiedeln, wurde damals sofort positiv aufgegriffen. Mein Freund und Kollege Prof. Markus Rüegg bot Hilfe und Unterstützung. Und Prof. Joachim Seelig und Prof. Urs A. Meyer waren damals extrem pragmatisch. Es gab ja noch überhaupt keine Regeln. Ich hatte damals ein Labor im 7. Stock gemietet. Die ersten Mieten habe ich mit Vorlesungsstunden abgegolten.  Die Tatsache, dass Vorlesungen als Währung für meinen Laborplatz eingesetzt wurden, war schon aussergewöhnlich. 

Und wie wurde aus MyoContract die heutige Firma Santhera?

Wir sind sehr schnell gewachsen und waren schon nach kurzer Zeit so gross, dass wir 2002, noch als MyoContract, nach Liestal zogen. Die Regierung hat uns dort günstigen Laborplatz in einer alten Ciba-Geigy Baracke angeboten. Der Bau war zwar nicht besonders schön, aber er hat geboten was er sollte. Im Jahr 2004 entstand aus der Fusion von MyoContract und einer deutschen Firma schliesslich Santhera. Wir wuchsen schon bald  auf knapp 80 Mitarbeiter an, etwa die Hälfte davon waren in der Forschung tätig. Die Projekte waren im Frühstadium des Drug Discovery; wir hatten Chemie- und Biologielabore bis hin zur Maus-Facility. Leider mussten wir die Forschung abbauen und 2010 ganz schliessen. Einfach, weil die Grundlagenforschung für ein Unternehmen unserer Grösse  zu teuer wurde. 

Fällt es einem als Forscher nicht schwer, sich zu diesem Schritt zu entschliessen?

Ja, das war bitter. Aber von der Kosten-Nutzen-Seite her war dies eine nachvollziehbare und notwendige Entscheidung. Grundlagenforschung oder frühes Drug Discovery ist nur sehr schwer finanzierbar, denn die Investoren messen ihr keinen Wert bei. Alles, was nicht mindestens in der klinischen Entwicklung ist, wird nur als Kostenfaktor gesehen. So ist es schwierig Investoren dafür zu finden. Wir reden von Millionenbeträgen pro Jahr. Jetzt konzentrieren wir uns ausschliesslich auf klinische Forschung. Das ist zwar anders, aber mindestens genauso teuer (lacht). Sie lässt sich aber leichter finanzieren, denn die Zeitspanne bis zur Marktreife ist deutlich kürzer und das Risiko für Investoren geringer.  

Sie haben gerade für das Medikament Raxone die EU-Zulassung bekommen. Was bedeutet das für Santhera?

Es war ein langer Weg und nun ist ein Meilenstein erreicht. Mit Raxone bringen wir ein Mittel auf den Markt, das bei Patienten mit der vererbbaren Augenerkrankung `Leber Hereditärer Optikusneuropathie` den Sehverlust aufhalten beziehungsweise die Sehschärfe wieder herstellen kann. Wir haben bewiesen, dass man diesen Wirkstoff zulassen kann und dass so etwas für ein Unternehmen unserer Grösse machbar ist. Für uns ist das ein riesen Erfolg. 

Inwieweit können Sie als CEO die Geschicke von Santhera mitbestimmen?

Ich bin gegenüber den Aktionären und dem Verwaltungsrat verpflichtet. Natürlich habe ich etwas zu sagen, aber die letzte Entscheidung liegt bei einer Publikumsgesellschaft bei den Aktionären. In meiner Position als CEO habe ich drei Verpflichtungen: Ich muss mich um die Aktionärsinteressen kümmern, um das Wohl des Unternehmens und um die Mitarbeiter. Diese Balance muss ich halten. 

Haben Sie sich früher jemals vorstellen können eine Firma zu gründen?

Als ich aus den USA zurückkam, war diese Vorstellung sehr konkret. Eine Firma zu gründen war dort deutlich üblicher. Als ich hier habilitierte, war gerade der BioValley-Hype im vollen Gange. Mich interessierte eine Firma im Bereich neuromuskulärer Forschung zu gründen. Und ich hatte eine Idee, einen Businessplan und ein Konzept. Wenn ich damals allerdings gewusst hätte, was auf mich zukommt, hätte ich es mir vielleicht noch einmal anders überlegt (lacht). 

Warum?

Es gab viele Stolpersteine. Erstmal war der Start-up nicht einfach. Wir haben in den ersten Jahren mehrfach ums Überleben kämpfen müssen. Und dann gab es da natürlich Rückschläge. So verlief unsere erste Pilotstudie positiv, die beiden nachfolgenden klinischen Studien waren jedoch negativ. Damals mussten wir zweimal grundlegend umstrukturieren. Und dann gab es 2013 noch mal einen grossen Rückschlag, unser erster Anlauf zur Medikamentenzulassung scheiterte und wir sind auf nur noch zwölf Mitarbeiter geschrumpft. Wir wussten zwar, was zu tun war, um zu einem positiven Entscheid zu kommen, aber wir hatten praktisch kein Geld mehr. Da standen wir kurz vor der Liquidation!  

Hatten Sie während der Durststrecken ab und zu Lust, das Handtuch zu werfen?

Da bin ich nicht der Typ für. Wenn man da zaudert und zögert, sollte man es lieber sein lassen. Als die Firma an ihrem Tiefpunkt war, habe ich angefangen Schlagzeug zu spielen. Ich habe sogar ein Schlagzeug in meinem Büro stehen. Während dieser Zeit habe ich auch drei Zähne verloren, durch nächtliches Knirschen. Ausgelöst durch den Stress. Solche Situationen zu meistern, ist wirklich schwierig. Vor allem, wenn man dann noch ständig negative Artikel in Zeitungen liest, die mit einer Hingabe den Tod von Santhera heraufbeschworen. Schafft es der CEO Meier oder steht er vor dem Aus? In dieser Zeit wäre es besser gewesen, keine Zeitungen zu lesen. Aber man kann sich davor nicht verstecken. 

Haben Sie sich in Zeiten der Krise nie etwas anderes überlegt?

Nein! Wenn Sie erst einmal anfangen einen Plan B zu entwickeln, dann vergessen sie ihren Plan A. Kardinalfehler! In case of panic, don’t panic.

Was würden Sie jungen Wissenschaftlern, die mit dem Gedanken spielen, sich selbstständig zu machen, mit auf den Weg geben? 

Auf jeden Fall probieren und keine Angst vorm Scheitern haben. Leider ist es in der Schweiz nach wie vor so, dass man leicht stigmatisiert wird, wenn man scheitert. Also, wenn man eine gute Businessidee hat, dann sollte man sich noch erfahrene Mentoren suchen zur Unterstützung. Und man muss sich auf eine Krise einstellen. Die wird sicher kommen. Und der Grund für die Krise ist eigentlich immer der gleiche, nämlich dass eine kritische Ressource fehlt. Das kann Geld sein, das kann ein Markt oder ein Produkt sein, aber auch Mitarbeiter. Dann heisst es, sich festbeissen und um die Ressource kämpfen. 

Wie wichtig ist die Ausgründung von Unternehmen für Universitäten?

Meiner Meinung nach sind solche Ausgründungen für die Universität keinesfalls eine Belastung, sondern im Gegenteil eine Bereicherung. Im Elfenbeinturm Spitzenforschung zu betreiben, wäre zu wenig. Es gehört zu einem Spitzeninstitut, dass sich laufend neue Firmen ausgründen. Das ist auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und ein hervorragender Leistungsausweis für den Universitätsstandort. 

Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?

Meinen mittlerweile reichen Erfahrungsschatz würde ich sehr gerne weitergeben. Wenn ich mich irgendwann zur Ruhe setze, kann ich mir vorstellen, als Mentor für interessierte Firmengründer tätig zu sein. Davon habe ich selbst auch profitiert. In den USA ist es viel ausgeprägter, der Alma Mater wieder etwas zurückzugeben, sei es in Form von Geld oder Leistung. 

Zum Schluss, ganz offen, kam für Sie als PD nie die Professur in Frage?  

Ja, darüber nachgedacht hatte ich schon – einen halben Nachmittag (lacht).

Lebenslauf

Thomas Meier ist seit 2011 Chief Executive Officer der Firma Santhera Pharmaceuticals AG mit Sitz in Liestal bei Basel. Nach seinem Studium der Biologie an den Universitäten Erlangen (DE), Genf und Basel promovierte er bei Prof. Heinrich Reichert und ging anschliessend als Postdoktorand an die Universität Colorado, USA. Thomas Meier habilitierte an der Universität Basel und wurde 1999 Forschungsgruppenleiter am Biozentrum. Ein Jahr später gründete er hier seine erste Firma MyoContract. Nach der Fusion mit einer deutschen Firma entstand daraus im 2004 das Pharmaunternehmen Santhera. Das Unternehmen ist auf die Entwicklung und Vermarktung von Medikamenten zur Behandlung seltener neuromuskulärer und mitochondrialer Erkrankungen spezialisiert.