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Wissenschaft auf den Punkt gebracht

Psst, hiess es früher um 12.30 Uhr am elterlichen Mittagstisch: die Nachrichten! Diese Tischgepflogenheit ist verschwunden. Nicht aber die Ausstrahlung der Hauptnachrichten im Schweizer Radio um diese Zeit. Biozentrum Alumnus Thomas Müller arbeitet seit 2009 als Produzent der Sendung «Rendez-vous». ALUMNInews gewährt er Einblicke in seine Arbeit beim Radio und seine langjährige Tätigkeit als Wissenschaftsjournalist bei namhaften Schweizer Zeitungen. 

Sie haben am Biozentrum studiert und danach direkt den Weg in den Journalismus eingeschlagen. Hatten Sie schon immer dieses Ziel vor Augen? 

Nein, diese Idee ist gegen Ende des Studiums gereift, als mir klar wurde, dass ich keine Dissertation machen möchte. Ich habe mich einfach nicht im Laborkittel und auf einziges Thema konzentriert gesehen. Schon das Studium am Biozentrum hatte ich gewählt, weil es zu jener Zeit das am breitest angelegte naturwissenschaftliche Studium war. 

Was hat Sie am Journalismus fasziniert?

Mir gefiel die Vorstellung, mich mit unterschiedlichen Themen von der Medizin über die Astronomie bis hin zur Politik auseinanderzusetzen. Da ich in der Schule immer gute Aufsätze geschrieben hatte, wusste ich auch, dass mir der sprachliche Aspekt liegt. Und ich war der Meinung, dass wissenschaftliche Themen in den Zeitungen tendenziell stiefmütterlich behandelt werden. Deshalb reizte es mich, diese anzugehen.  

Ist die Situation heute nicht wieder ähnlich? 

Ich hatte das Glück in den 1990-er Jahren als Wissenschaftsjournalist zu arbeiten, als die Zeitungen so viel Geld verdienten wie nie zuvor und nie mehr danach. Man kann den Lesern nicht auf eine redaktionelle Seite drei Seiten Werbung zumuten und so wurden die  Redaktionen ausgebaut und auch mehr in Wissenschaftsthemen investiert. Mit der dot-com-Krise, dem Internet und den Gratiszeitungen ist jedoch das ganze Gefüge ins Wanken geraten und was damals zuletzt ausgebaut wurde, wurde dann wieder als erstes gestrichen. 

Der Grund ist also rein finanzieller Natur und hat nichts mit einer inhaltlichen Trivialisierung zu tun? 

Das hängt miteinander zusammen. Die finanzielle Lage der 1990-er Jahre ermöglichte es den grösseren Zeitungen, auch in Inhalte zu investieren, die nicht auf der Frontseite verkauft werden müssen. Das ist nicht mehr der Fall. Doch es gibt nach wie vor Zeitungen und Gefässe sowie die öffentlich-rechtlichen Medien, die guten Wissenschaftsjournalismus betreiben. Aber ich stimme Ihnen zu, es ist weniger geworden. In der Gratismedienwelt spielt Wissenschaftsjournalismus kaum eine Rolle. 

Wie hat sich als Journalist ihr Blick auf die Wissenschaften verändert?

Ich habe schnell gesehen, dass gewisse Forschungsrichtungen gesellschaftliches Konfliktpotenzial haben. In der Schweiz war dies damals vor allem die grüne, aber auch die rote, also die  humane, Gentechnologie. In solchen Fällen kann man nicht einfach rein wissenschaftlich argumentieren. Das funktioniert im politischen Diskurs nicht. Man muss alle Seiten berücksichtigen. Damals dachte ich noch, dass man Ängste ein Stück weit durch Aufklärung nehmen kann. Aber ich musste auch erfahren, dass gewisse Pflöcke eingeschlagen sind. Nehmen wir die grüne Gentechnologie. Deren Nutzen ist in einer satten bis übersatten Gesellschaft schwer vermittelbar. Anders ist dies bei der humanen Gentechnologie. Da ist der individuelle Nutzen offensichtlicher.  

Macht es einen Unterschied, ob sie wissenschaftliche Themen aufbereiten oder über Politik schreiben?

Die Grundregeln sind dieselben. Wissenschaftsjournalismus braucht einfach mehr Zeit, denn wenn man ihn ernsthaft betreibt, sollte man nicht nur die Pressemitteilung, sondern das Originalpaper gelesen haben. Zudem kann man nicht, wie in der Politik, einfach beide Seiten mit ihren besten Argumenten darstellen. Nehmen wir den Klimawandel: 95 Prozent der Wissenschaftler sind sich in gewissen Aussagen einig. Fünf Prozent vertreten eine andere Meinung. Wenn sie nun beide Seiten gleichwertig darstellen, kriegt das Thema Schieflage. Und wenn es um weltanschauliche Themen, wie die pränatale Implantationsdiagnostik geht, dann nützen ihnen wissenschaftliche Fakten nicht viel. Hier prallen Emotionen, gesellschaftliche und politische Ansichten aufeinander. Insofern gibt es schon Unterschiede. 

Sie arbeiten jetzt für’s Radio. Wie unterscheidet sich die Arbeit von der bei einer Zeitung?

In einer Zeitung können Sie ein Thema auf einer ganzen Seite ausbreiten und den Text noch mit Kästchen und Grafiken erläutern. Ein normaler Hintergrundbericht im Radio dauert zwei bis fünf Minuten. Und Sie hören nur zu. Was Sie nicht auf Anhieb verstehen, ist verloren. Man muss den Sachverhalt also herunterbrechen, klar und sehr einfach auf den Punkt bringen und dabei noch korrekt bleiben. Das ist eine hohe Kunst.  

Sie sind heute Produzent der Nachrichtensendung „Rendez-vous“. Wie sieht ihren Arbeitsalltag aus?

Ich bin um etwa 7.15 Uhr in der Redaktion in Bern. Da habe ich schon zwei Zeitungen im Zug gelesen. Als erstes schaue ich bei den Nachrichtenagenturen, was zwischenzeitlich passiert ist, werfe einen Blick auf die wichtigsten Webseiten und telefoniere mit Korrespondenten, um diese Zeit mit denjenigen im Osten. Und ich werfe einen Blick auf die Themen, welche die Kollegin oder Kollege von der Auslandredaktion vorschlägt. Dann erstelle ich eine Themenliste, die ich um 8.30 Uhr mit in einem etwa sechsköpfigen Team diskutiere. An der grossen Redaktionssitzung um 9 Uhr, an der alle Ressorts vertreten sind, werden Nägel mit Köpfen gemacht und um 10 Uhr sollte das Konzept der Sendung stehen. Dann werden Telefonate geführt, Beiträge redigiert und produziert. Ab 11 Uhr bis zum Sendungsbeginn um 12.30 Uhr wird es noch intensiver. Von 13 bis 13.30 Uhr folgt das Tagesgespräch, das ein Thema vertieft behandelt. Danach esse ich kurz zu Mittag. Am Nachmittag ist Feedback- und Planungssitzung. Gegen Abend bereite ich den nächsten Tag vor und telefoniere mit Korrespondenten im Westen, zum Beispiel in den USA.

Der Tag scheint eng getaktet. Verläuft das immer so Schlag auf Schlag? 

Ja, es ist die hektischste Form von Journalismus, die ich bis jetzt gemacht habe. Es geht alles sehr schnell und es taucht natürlich auch Unvorhergesehes auf, auf das ich schnell reagieren muss. Je länger ich zögere, desto weniger Zeit hat der entsprechende Mitarbeiter für seinen Beitrag. Diesen Tagesrhythmus macht man normalerweise fünf Mal hintereinander. Das ist sinnvoll, da viele Ereignisse Kapitel von Fortsetzungsgeschichten sind und so weiss ich ununterbrochen auf allen Ebenen, was läuft. Ich bin sozusagen im Nachrichten-Flow. 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Journalismus?

Ich pendle morgens und abends mit dem Zug zwischen Basel und Bern und sehe, wie viele Leute Gratiszeitungen lesen. Es betrübt mich, wenn Nachrichten wie Fastfood konsumiert werden und ich denke, dass sich diese Entwicklung in einem Land wie der Schweiz – Stichwort direkte Demokratie – wo entscheidend ist, dass die Leute einigermassen verstehen, was um sie herum geschieht, als Nachteil entpuppen kann. Ich hoffe, dass man einen Weg findet, die Menschen wieder davon zu überzeugen, dass politische, wirtschaftliche und wissenschaftliche Informationen etwas kosten dürfen, ja müssen. 

Lebenslauf
Thomas Müller ist seit 2009 Produzent der Nachrichtensendung „Rendez-vous“ von Schweizer Radio SRF. Er studierte in den frühen 1980-er Jahren am Biozentrum und absolvierte im Anschluss an der Universität Hohenheim, am Massachusetts Institute of Technology, am Europa-Institut der Uni Basel sowie an der Schweizer Journalistenschule MAZ verschiedenste Ausbildungen in Journalistik und Kommunikation. 2010 folgte ein MBA an der Universität St. Gallen. Von 1988 bis 1992 sowie von 1998 bis 2005 war er Inland- und Wissenschaftsredaktor bei der Basler Zeitung. In den Jahren dazwischen und danach arbeitete er als freier Wissenschaftsjournalist sowie als Wissenschaftsredaktor beim Tages-Anzeiger und bei Facts und war für die Kommunikation von SystemsX.ch verantwortlich. Seit 2010 engagiert sich Thomas Müller zudem als Mitglied des Leitungsausschusses von TA-Swiss, dem Zentrum für Technologiefolgen-Abschätzung der Akademie der Wissenschaften Schweiz. Thomas Müller lebt mit seiner Partnerin, Regierungsrätin Eva Herzog und den beiden Söhnen in Basel.