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Schau mir in die Augen, Kleines!

Jeden Tag blickt Tobias Pauli den Menschen tief in die Augen. Das ist sein Beruf. Als praktizierender Augenarzt ist er auch nach vielen Jahren noch von ihrer Schönheit fasziniert. Bereits am Biozentrum hat sich der Alumnus mit den vielen Facetten von Augen befasst – genauer gesagt mit Fliegenaugen. Und auch die Fingerfertigkeit für seinen späteren Beruf hat er damals hier trainiert. 

Sie haben in Basel Medizin studiert. Wie sind Sie zur Augenheilkunde gekommen?

Das hat sich durch meine Zeit am Biozentrum ergeben. Ich habe im Labor von Walter Gehring über die Augenentwicklung promoviert. Er hatte damals die Idee eine Augenerkrankung beim Menschen, die Makuladegeneration, am Fliegenmodell zu erforschen. An diesem Projekt waren auch Augenärzte beteiligt und ich fand Gefallen an dem Beruf. Nach meiner Dissertation habe ich dann auch recht schnell eine Stelle am Augenspital in Basel gefunden.  

Warum hatten Sie sich dazu entschlossen, einen PhD zu machen?

Nach meinem Studium wollte ich noch nicht sofort im Spital anfangen zu arbeiten. Durch unsere Praktika, habe ich gemerkt, dass ich gerne forschen würde und so habe ich mich nach Forschungsprojekten umgeschaut. Ich hatte schon einiges über Walter Gehring und die ektopischen Augen gelesen. So hat sich dann eins ums andere ergeben. Und nach einem Treffen mit Walter Gehring war die Sache klar.

Wie haben Sie Walter Gehring und seine Forschung damals erlebt?

Die erste Begegnung ist mir noch heute präsent. Walter Gehring stand vor mir mit der Kreide in der Hand, erzählte von diesem Augenprojekt und zeichnete an der Tafel irgendwelche Interaktionen und Schemata auf. Seine Begeisterung für die Forschung und wie er andere damit anstecken konnte haben mich extrem fasziniert. Und, dass er vor Ideen nur so sprudelte. 

Und welche Idee hat sich schliesslich zu Ihrem PhD-Projekt entwickelt?

Im ersten Projekt wollte ich das humane Gen, welches für eine genetisch bedingte Makuladegeneration verantwortlich war, im Fliegenmodell untersuchen. Leider hat sich die Fliege dafür nicht geeignet. Und so habe ich schliesslich auf einem klassischen Augenentwicklungsprojekt promoviert. Für mich war es gerade am Anfang total aufregend, zum Beispiel als die anderen mir zeigten, wie man die Fliegen kreuzt und anschliessend selektioniert. Als Mediziner hatte ich davon ja keine Ahnung. Wie man Männchen und Weibchen unterscheidet, und wie man unter den Weibchen auch noch die Jungfrauen raussucht… Ich habe nur gedacht, wow, das sind ja Wahnsinnstypen, dass die das können. Aber nach zwei bis drei Jahren habe auch ich schon im Flug erkannt, ob es sich um ein Männchen oder Weibchen handelt.

Können Sie von Ihrer Forschungsarbeit auch heute noch als Augenarzt profitieren?

Ich denke, die Fingerfertigkeit, die ich mir im Labor zum Beispiel beim Herausnehmen der Imaginalscheibe aus Fliegenlarven antrainiert habe, hat mir gerade zu Beginn bei den Augen-OPs geholfen. 

Wie schwierig gestaltete sich der Einstieg als Arzt im Augenspital nach vier Jahren an der Bench?

Das war schon eine rechte Umstellung. Die ersten drei Monate war ich ziemlich gestresst. Im Medizinstudium hatten wir nicht oft mit Patienten zu tun und nach vier Jahren im Labor hatte ich auch einiges schon wieder vergessen. Gerade am Anfang habe ich mich manchmal zurück ins Labor zu den Fliegen gewünscht. Auch jetzt noch denke ich noch sehr gerne an diese Zeit zurück. Auch wenn ich in der Praxis nicht immer etwas Spannendes wie zu Laborzeiten mache, ist es schön zu merken, dass mich die Patienten brauchen. Heute mache ich im Kleinen etwas sehr Wichtiges und früher habe ich in einem riesigen Wissenschaftsbetrieb etwas extrem Kleines gemacht.

War es anfangs nicht etwas komisch, so vielen Leuten so tief in die Augen zu schauen?

Zwischen mir und den Patienten ist ja immer das Untersuchungsgerät. Jeden Tag sehe ich so viele Augen, da könnte man meinen, das ist langweilig. Aber dem ist nicht so. Ich finde jedes Auge einzigartig und schön zum Anschauen. Und gerade das Zwischenmenschliche im Patientengespräch, schätze ich extrem an meinem Beruf. Aber auch, dass wir mit vielen einfachen Mitteln wie Brillen, Tröpfchen oder Salben die Sehkraft und damit die Lebensqualität der Menschen enorm verbessern können. 

Wie können wir unseren Augen Gutes tun?

Was für den Rest gilt, gilt auch für das Auge. Also eine Portion Sport, gesundes Essen, nicht Rauchen und nicht ungeschützt in die Sonne schauen, dann hat man schon viel gewonnen. Auf jeden Fall sollte man etwa ab dem vierzigsten Lebensjahr den Augendruck regelmässig überprüfen lassen. 

Lernt man das Handwerk direkt am Patienten?

Ja, alle nicht-operativen Eingriffe wie zum Beispiel Laserbehandlungen oder das Herauskratzen von Fremdkörpern aus der Hornhaut lernt man eins zu eins am Patienten. Das Operative braucht schon mehr Fingerfertigkeit. Ich habe es step-by-step bei meinem Chef, einem versierten Chirurgen, gelernt. Anfangs operiert man zu zweit. Wenn etwas nicht so optimal läuft, kann der erfahrene Operateur übernehmen. So ist das Resultat am Ende trotzdem perfekt. 

Können Sie sich noch an Ihre erste Operation erinnern?

Ja, das war eine zittrige Angelegenheit. Aber man übt so lange weiter bis irgendwann nichts mehr zittert. Für die Anerkennung als Augenchirurg muss man eine OP, wie zum Beispiel das Auswechseln der getrübten Linse beim grauen Star, mindestens 200 Mal gemacht haben. Mittlerweile habe ich wohl schon um die tausend Augen operiert.

Wie sieht ein Tag in der Praxis aus?

Bei den meisten Fällen handelt es sich um Routinekontrollen der Sehschärfe, des Augendruckes oder der Netzhaut oder um einfache Beschwerden wie Bindehautentzündung. Zu den häufigsten Krankheiten, die wir sehen, gehört die altersbedingte Makuladegeneration. Sie wird immer häufiger diagnostiziert, da wir immer älter werden. Und da kommen wir wieder zu Walter Gehring zurück. 

Warum?

Als ich bei ihm anfing, litt seine Mutter unter Makuladegeneration und das war für ihn die Motivation, in der Fliege zu schauen, was bei der Krankheit eigentlich auf molekularer Ebene passiert. Als er seiner Mutter erzählte, dass er jetzt auf diesem Gebiet forscht, sagte sie wohl nur: «Jetzt machst du endlich mal etwas Vernünftiges».

 

Lebenslauf

Seit 2009 arbeitet Tobias Pauli als Facharzt für Augenheilkunde und Augenchirurgie im Augenzentrum Bahnhof Basel. Nach seinem Studium der Humanmedizin promovierte er im Rahmen des MD-PhD-Programms am Biozentrum in der Forschungsgruppe von Walter Gehring. Anschliessend begann Pauli seine vierjährige klinische Ausbildung als Augenarzt und legte 2008 die Facharztprüfung ab.