Meilensteine

Das Biozentrum - seine Geschichte und Bedeutung

1965 – 1970 – Die Pionieridee

Das Potenzial der molekularbiologischen Forschung wurde in den 1960-er Jahren auch in der Schweiz erkannt, wenn auch nur von wenigen Forschern. Aufgrund grosser Erwartungen zur zukünftigen Lösung von Gesundheitsproblemen durch die biologische Forschung und dem Bedürfnis, eine zeitgemässe Ausbildung von Studenten der Medizin und Biologie zu etablieren, entstand 1965 ein Grobkonzept für das Biozentrum Basel. Biologische Fragestellungen rund um Zellen und Proteine sollten mit molekularbiologischen, chemischen und physikalischen Methoden beantwortet werden. Das Konzept sah das räumliche und somit auch geistige Zusammenrücken verschiedener Institute und Abteilungen vor. Geplant waren zwei 8-stöckige Gebäude für die Forschung sowie ein verbindendes zweistöckiges Gebäude für Lehre und zentrale Dienste.

Die Idee wurde vom damaligen Schweizerischen Wissenschaftsrat eher ablehnend beurteilt: „Die Schweiz braucht neben Genf und Zürich, welche sich auf molekulare Genetik spezialisiert haben, nicht noch ein drittes Zentrum für solche esoterische Forschung“. Die vorausgesagte breite, wirtschaftliche und soziale Wirkung dieser neuen Disziplin wurde damals noch nicht ernst genommen. Und trotzdem: 1968 wurde auf dem Schällenmätteli mit dem Aushub für den ersten Laborbau begonnen. Ein hochkarätiges Kuratorium unter der Federführung von Regierungsrat Arnold Schneider förderte den Aufbau des Biozentrums.

Die wichtigsten Biozentrum Promotoren aus Wissenschaft, Universität und Privatindustrie:

  • Eduard Kellenberger (damaliger Wissenschaftler in Genf, ab 1970 Professor am Biozentrum)

  • Alfred Pletscher (damaliger Forschungsleiter bei Hoffmann-La Roche)

  • Hubert Bloch (damaliger Leiter der Pharmazeutischen Forschung der Ciba)

  • Christoph Tamm (damaliger Professor für organische Chemie und später Rektor)

  • Arnold Schneider (damaliger Vorsteher des Erziehungsdepartementes des Kantons Basel-Stadt)

1971 – 1975 – Der Aufbau

Bei der Eröffnung 1971 gab es europaweit nur ein Biozentrum: Das Biozentrum Basel. Die Innovation lag im interdisziplinären Ansatz und in der Einrichtung von zentralen Diensten mit Ablegern auf den Stockwerken. Die Professoren der ersten Stunde wurden gewählt und das einzigartige Konzept für das neue Studium „Biologie II“ erarbeitet: Ein zweijähriges Grundstudium in Mathematik, Physik und Chemie bildete die Basis für das vertiefte Studium in Blockkursen in Biochemie, Biophysikalischer Chemie, Mikrobiologie, Pharmakologie/Neurobiologie, Strukturbiologie und Zellbiologie. Eine enge Verbindung mit der aktuellen Forschung sollte die Studierenden zudem möglichst rasch an eine eigene Forschungstätigkeit heranführen. Ein weiterer Schwerpunkt wurde auf die Ausbildung von Doktoranden und das Angebot von Stellen für Postdoktoranden gelegt.

Wegweisend war 1974 auch die Einführung der Funktion des Projektleiters, heute vergleichbar mit der Position eines befristeten Assistenzprofessors.

Die ‘Gründungs’- Professoren im Jahr 1974:

Molekulare Mikrobiologie

Eduard Kellenberger
Werner Arber

Biophysikalische Chemie

Gerhard Schwarz
Jürgen Engel
Kaspar Kirschner
Joachim Seelig

Pharmakologie

Karl Bucher
Franz Grün
Hans Thoenen

Strukturbiologie

Richard Franklin
Johan N. Jansonius

Biochemie

Max M. Burger
Gottfried Schatz

Entwicklungsbiologie/Genetik

Walter J. Gehring

1976 – 1980 – Der Nobelpreis

Das Biozentrum erwies sich als Erfolgskonzept. Die Krönung bildete der Nobelpreis für Medizin, mit welchem Professor Werner Arber 1978 zusammen mit zwei amerikanischen Forschern ausgezeichnet wurde. Sie hatten die Restriktionsenzyme entdeckt, mit welchen man DNS-Fadenmoleküle wie mit einer Schere zerschneiden kann. Diese gehören bis heute zu den wichtigsten Werkzeugen der Molekularbiologie. Die Freude über den Nobelpreis war gross: Ganz Basel feierte mit.

1978 wurde das anfangs „unabhängige“ Biozentrum als Departement in die Universität Basel eingegliedert.

1981 – 1985 – Der Aufbruch zu neuen Technologien

Das Biozentrum startete mit gegen 300 Mitarbeitenden in die neue Dekade. Mehr und mehr Kollaborationen entstanden mit dem Basler Institut für Immunologie (Hoffmann-La Roche) und dem Friedrich-Miescher-Institut (Ciba-Geigy). Die technologischen Fortschritte veränderten die Forschungsmethoden in ihren Grundlagen. So wurde 1985 das Biozentrum an die Rechner des Universitätsrechenzentrums angeschlossen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erhielten Zugang zur Informationstechnologie. Der Grundstein für die spätere Bioinformatik mit ihren Computersimulationen und -modellen war damit gelegt.

1986 – 1990 – Der vertiefte Einblick und der Gang über die Grenze

Mit dem 1986 neu dazu gekommenen Maurice E. Müller Institut für hochauflösende Elektronenmikrospie – eine grosszügige Schenkung der Foundation Maurice E. Müller – wurde das Biozentrum zum weltweiten Kompetenzzentrum von Technologien, die der Aufklärung von Strukturen von Biomolekülen dienen.

1989 beteiligte sich das Biozentrum im Rahmen der molekularen Mikrobiologie an der Schaffung des trinationalen EUCOR-Studiengangs in Biotechnologie, einer grenzüberschreitenden Kooperation der Universitäten Basel, Strassburg, Freiburg im Br. und Karlsruhe.

1991 – 1995 – Die neuen Forschungsschwerpunkte

Das Biozentrum spielte inzwischen international in der Top-Liga der molekularbiologischen Forschungsstätten. Trotzdem gab es bedingt durch einen Hayek-Bericht Stimmen, die das Biozentrum mit massivem Stellenabbau verkleinern wollten. Das Biozentrum schrieb sich für die nächsten zehn Jahre drei wichtige Forschungsschwerpunkte, denen es noch heute treu ist, auf die Fahne: die Struktur und Funktion von biologischen Molekülen,  das Wachstum der Zelle und die Entwicklung der Organismen sowie die Arbeitsweise des Gehirns (Neurobiologie).

1996 – 2000 – Die Vernetzung

1996 wurde das heutige „Center of Competence and Excellence in Neuroscience“ von der Universität, dem Universitätsspital, dem Friedrich-Miescher-Institut und der Pharmaindustrie gegründet, um Forschende und Studierende der Neurowissenschaften zu vernetzen. Auch entstand „Neurex“, der grösste Verbund von Neurobiologen unter Beteiligung der Universitäten Basel, Freiburg i. Br. und Strassburg. Neurex zählt heute 100 Laborgruppen mit ca. 1000 Forschenden.

Durch die grossartige Unterstützung der Basler Pharmaindustrie konnte das Biozentrum als erste Institution in Basel seine Plattform für magnetische Kernresonanz-Spektroskopie durch ein neues 800 MHz NMR-Spektrometer erweitern. Diese Hochtechnologie wurde auch von den medizinischen Instituten und der chemischen Industrie für diagnostische Zwecke genutzt.

Als weitere Neuerung schloss sich die Rasterelektronenmikroskopie aus dem Bernoullianum mit der Elektronenmikroskopie im Biozentrum zum „Zentrum für Mikroskopie“ der Universität zusammen.

2001 – 2005 – Die neue Welle

Die gute Ausbildung am Biozentrum machte sich bezahlt: 2001 arbeiteten in der Schweiz und im Ausland bereits mehr als 300 Professoren, welche einen Teil ihrer Ausbildung am Biozentrum absolviert hatten. Überdies waren 650 Diplome und 555 Doktorate abgeschlossen worden. In der Lehre stand nun mit der Bologna-Reform ein wichtiger Wechsel auf das Bachelor/Master System an.

Das rasant wachsende Verständnis der Lebensvorgänge führte zu neuen Forschungszweigen. Gleichzeitig stand ein Generationswechsel an und mehrere Neuberufungen ersetzten die abtretenden Gründungsprofessoren. Dies erlaubte den Aufbau von zwei neuen Schwerpunkten, der Bioinformatik/Systembiologie sowie der bakteriellen Infektionsbiologie.

Zusammen mit den Gründungspartnern ETH Zürich und Universität Zürich engagierte sich die Universität Basel beim Aufbau der nationalen Initiative SystemsX im Bereich der Systembiologie. Die Leitung von gleich drei der vom Bund finanzierten SystemsX-Projekten wurde am Biozentrum angesiedelt.

2006 – 2010 – Die jüngsten Errungenschaften

Das Biozentrum positionierte sich mit rund 200 wissenschaftlichen Publikationen jährlich im ersten Viertel der Weltrangliste.

Dank dem Engagement von Professor Joachim Seelig konnte 2007 mit Mitteln der Werner Siemens Stiftung ein prestigeträchtiges Ausbildungsprogramm am Biozentrum etabliert werden. Die Vergabe jährlicher Stipendien bezweckt die Förderung höchstqualifizierter Doktoranden auf dem Gebiet der LifeSciences, die Stärkung des LifeSciences- und Wissenschaftsstandortes Basel sowie der internationalen Zusammenarbeit.

In Basel entstanden weitere neue Netzwerke, in denen Forscher des Biozentrums eine bedeutende Rolle spielen: Die „Basel Signalling Alliance“, das „Neuroscience Network Basel“ sowie das „Basel Stem Cell Network“. Letzeres widmet sich der Entwicklungsbiologie und regenerativen Medizin – der potenziellen Therapieform des 21. Jahrhunderts. Schliesslich etablierten die Universität, das Universitätsspital und Hoffmann-La Roche ein Forschungsnetzwerk, um die personalisierte Medizin voranzutreiben.

2011 – Das „neue“ Biozentrum - eine international angesehene „Hochburg“

Viele Forschungsplätze weltweit sind dem Beispiel des Biozentrums gefolgt – sogar der Name Biozentrum wurde vielfach kopiert. Für die Zukunft setzt das Biozentrum weiterhin auf Exzellenz in Lehre und Forschung, auf eine state-of-the-art Infrastruktur sowie qualitatives Wachstum. Heute sind am Biozentrum rund 500 Personen tätig, darunter Wissenschaftler aus über 40 Nationen. Doch das Biozentrum platzt aus allen Nähten. Ab 2019 wird ihm ein 70-Meter-Turm als „Hochburg der Wissenschaft“ ein neues Zuhause bieten. Das „neue“ Biozentrum der Universität bleibt ein wichtiger Partner am LifeSciences-Standort Basel und wird seine Erfolgsgeschichte durch ein neues Kapitel erweitern.