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Vorreiter sein heisst Neuland betreten

Am Biozentrum ist er als Mister Neubau bekannt. Denn als Leiter Technik & Logistik begleitet Roger Jenni seitens der Nutzer das Neubauprojekt seit seinen Anfängen. Im Interview spricht er über Brillanz und Achillesferse des Neubaus, über bevorstehende Schritte und Veränderungen und darüber, was geschieht, wenn man sich auf die Suche begibt, die Quelle des Nils zu finden. 

Was ist Ihr erster Gedanke, wenn Sie an den bevorstehenden Umzug denken?
An ein neues Zuhause, an Aufbruch und Neuanfang. Ich denke, dass vor allem die vielen Begegnungszonen unserer Zusammenarbeit und dem Austausch neuen Schwung verleihen werden. Das alte Biozentrum wurde ja noch in einer Zeit gebaut, wo dieser automatisch gegeben war. Es gab noch keine Computer und man konnte nicht online ein Mikroskop reservieren, sondern musste die Leute direkt fragen, ob man es benutzen darf. Auch haben wir seit dem Anbau des Pharmazentrums keinen eigentlichen Haupteingang mehr und so gibt es heute kein selbstverständliches Aufeinandertreffen. Ich freue mich also alleine schon auf die Eingangssituation, wo man morgens und abends quasi mitten durch die ganzen Leute geht und auf die Sozialzonen auf den Stockwerken. Ich bin überzeugt, dass wir im Neubau wieder viel mehr eine gemeinsame Identität entwickeln werden als im alten.

Bleiben wir gleich noch beim alten Gebäude. Was empfinden Sie als Biozentrum-Urgestein beim Gedanken an den Abschied?
Wenn der Bagger auffährt und mit dem Abriss anfängt, werde ich schon etwas traurig sein. Ich bin nun seit 40 Jahren hier und das Biozentrum ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Ich hatte hier die unterschiedlichsten Stellen, vom Laborant über die Administration bis zur IT. Ich habe in dieser Zeit geheiratet, ich wurde aus einer Biozentrum-Sitzung gerufen, als einer meiner Söhne im Spital nebenan zur Welt kam. Kurz, ich bin sehr eng mit diesem Ort verbunden. Trotzdem, die Freude über den Neubau überwiegt. 

Was wird sich für die Biozentrum Mitarbeitenden in ihrem Alltag am meisten verändern? 
Zum einen die komplette Transparenz. Innen ist praktisch alles aus Glas. So sieht man zum Beispiel von den ausserhalb der Labore platzierten Schreibplätzen für die Forschenden, was im Labor läuft und umgekehrt. Auch sieht man von jedem Standpunkt nach draussen. Das hilft in diesem grossen Gebäude bei der Orientierung (lacht). Dann verändern sich in einem Hochhaus natürlich auch die Wege, gerade zum Beispiel zu den im dritten Untergeschoss untergebrachten hochspezialisierten wissenschaftlichen Einrichtungen, wie den NMR-Geräten oder den empfindlichen Elektronenmikroskopen vom C-CINA. Eine Umstellung wird die zentrale Medienküche, nicht nur für die Forschenden, sondern vor allem auch für die Mitarbeitenden der Medienküche selbst, die bis anhin in kleinen Teams auf den Stockwerken verteilt nun alle zusammenarbeiten werden. Auch die Forschungsgruppen werden andere «Nachbarn» bekommen. Dadurch werden sich natürlich auch die Interaktionen verändern. 

Wir ziehen ja vom vollklimatisierten Altbau in einen Minergiebau. Was bedeutet das für uns?
Energietechnisch ist es ein totaler Gewinn, denn ehrlich gesagt, ist das alte Biozentrum eine echte Energieschleuder. Ich würde mal schätzen, dass das neue Biozentrum nicht mal die Hälfte der Energie verbrauchen wird. Spezifische und stabile Temperaturen werden im Neubau nur da geschaffen, wo sie auch dringend nötig sind, also zum Beispiel für die Arbeit mit Zellkulturen oder Mikroskopen. Ansonsten schwankt das Klima analog zu den Aussentemperaturen. Damit es trotzdem nicht heisser wird als 25°, richten sich die Vertikalstoren nach der Sonne und schliessen sich automatisch. An schönen Tagen werden somit morgens die Einen und nachmittags die Anderen nicht hinaussehen können und dieser Mechanismus lässt sich nicht übersteuern. Daran müssen wir uns sicher noch gewöhnen. 

Was ist für Sie Ihr absolutes Highlight am Neubau?
Das, was es eigentlich auch so kompliziert macht: seine Flexibilität. Die molekularbiologische Forschung stellt höchste Anforderungen an Energie, Kühlung, stabilen Temperaturen, Erschütterungsfreiheit und Vieles mehr und da wir ein breites Forschungsspektrum haben, variieren die Bedürfnisse von Gruppe zu Gruppe. Seit der ursprünglichen Planung sind zum Beispiel einige Forschungsgruppen gegangen und andere dazugekommen und wir konnten die Gegebenheiten flexibel auf ihre Bedürfnisse anpassen. Der Neubau ist echt eine Meisterleistung an technischem Vorausdenken und was er in Zukunft noch alles müsste leisten können, denn wer weiss, was diese uns an Rocket-Science noch bescheren wird. 

Ist diese technische Meisterleistung auch der Grund, warum es nun so lange dauert? Von aussen sieht der Neubau ja schon lange fertig aus.
Wenn man einfach ein Bürogebäude hingestellt hätte, wären wir seit drei Jahren fertig und die Kosten würden sich auf einen Fünftel belaufen. Aber hier spielen beim Innenausbau mehrere Faktoren mit. Es ist nicht nur die zukunftsweisende Technik an und für sich, sondern auch die Herausforderung, diese dahin zu bringen, dass sie zuverlässig funktioniert. Die Forschung braucht von Anfang an 100% Stabilität und Genauigkeit, sonst funktionieren die Experimente nicht. Hinzu kommt, dass wir in der Stadt aus Platzgründen in die Höhe bauen und in ein und demselben Gebäude die unterschiedlichsten universitären Einrichtungen, wie das Rechenzentrum oder die Tierstation, die man üblicherweise auf verschiedene Gebäude verteilen würde, unterbringen müssen.  

Hätte man das nicht alles voraussehen können?
Als man sich auf die Suche der Quelle des Nils aufgemacht hatte, wusste man auch nicht, was einen am Ende erwartet. Man kann Erfahrung nicht vorwegnehmen. Wenn man sich aufmacht, etwas Neues zu erreichen, betritt man immer Neuland. Und der Biozentrum Neubau ist visionär. Es gibt keinerlei Vorbilder und so stehen auch top Experten vor grossen Fragezeichen. Heute wenden sich bereits andere, die inzwischen mit ähnlichen Herausforderungen kämpfen, an uns, und sind froh, dass sie im Bugwasser schwimmen können. 

Aber hätten wir nicht auch etwas kleinere Brötchen backen können?
Nein. Aus Forschersicht geht es nicht um «nice to have’s», sondern um «need to have’s», wenn wir weiterhin zukunftsweisende Forschung betreiben und im globalen akademischen Wettbewerb fortbestehen wollen. 

Was ist denn für das Biozentrum Momentan das Wichtigste? 
Dass bei der Qualität keine Abstriche gemacht werden, nur um zu einem nahen Abschluss zu gelangen. Wenn wir jetzt bei den letzten 10% und auf der Zielgeraden nicht die nötige Genauigkeit beibehalten, dann sind die ganzen Anstrengungen der letzten fünf Jahre für die Katze. Das ist, also ob man auf der Suche nach der Quelle des Nils 100 Meter vor dem Ziel aufgeben und Kehrt machen würde. 

Das ganze Neubauprojekt teilt sich in verschiedene Phasen, wie Vorprojekt, Bauprojekt und Ausführung. In welcher Phase stecken wir jetzt? 
In der In-Betrieb-Setzungs-Phase. Die ist wahnsinnig aufwändig. Nach Vorschrift des Schweizerischen Ingenieurs- und Architektenvereins müssen wir nun zuerst kontrollieren, ob alles da ist und funktioniert. Darauf erfolgt die Abnahme. Wir sprechen hier von Millionen verbauter Einzelteilen und 700 Anlagen. Danach folgen die Integralen Tests. Nehmen wir als Beispiel die Kühlanlage, die für sich alleine funktioniert. Aber funktioniert sie auch im Zusammenspiel mit der Lüftung oder der Elektrik? Was geschieht, wenn der Strom runterfährt? Alles ist völlig ineinander verzahnt. Insgesamt gibt es sieben Integrale Test. Erst danach folgt die Behördenabnahme. 

Und dann können wir einziehen?
Nein, dann starten wir in die sogenannte Qualitäts-Phase. Hier wird getestet, ob die ganze Technik über eine längere Zeitspanne stabil funktioniert, denn das ist, wie gesagt, die Voraussetzung, damit ein Forschungsexperiment überhaupt gestartet werden kann. Es gilt das IT-Netzwerk des Rechenzentrums hochzufahren, zu schauen, ob die Notfall-Szenarien funktionieren, Hauptproben in der Medienküche durchzuführen, den Technischen Dienst zu schulen und vieles mehr. 

Nochmals: Und dann können wir einziehen? 
Ja (lacht). Aber auch da braucht es etwas Geduld. Insgesamt brauchen wir sechs Monate bis wir drüben angekommen sind. Grund ist das schiere Volumen. Wir sprechen hier von 230 Laboren, sowie 70 Spezialgeräten, die teils nur von wenigen Experten weltweit überhaupt gezügelt werden können.  Geplant ist ein sogenannter unterirdischer Laufumzug durch einen Tunnel zwischen Biozentrum und Pharmazentrum, weil sich dies aus Sicherheitsgründen anbietet und weil wir oberirdisch nicht schneller wären. Pro Forschungsgruppe sind fünf Tage packen, zwei Tage zügeln und fünf Tage auspacken geplant. Die nächste folgt zwei Tage versetzt. Dann kommen die Spezialgeräte dran, die teilweise nur nachts und mit besonderen Vorkehrungen, wie das Abmontieren von Tramoberleitungen, geschehen kann. 

Sie haben das Neubauprojekt von Anfang an begleitet. Was war für Sie in diesem Prozess das Eindrücklichste? 
In erster Linie die Flexibilität dieses Gebäudes, die gleichzeitig seine Brillanz und seine Achillesferse ist. Ich finde es genial, dass man visionär daran festgehalten und sie schliesslich hingekriegt hat. Dann gibt es bei einem solch komplexen Gebäude natürlich tausende kleinere eindrückliche Details. Vielleicht sollte ich über den Bau doch mal noch ein Buch schreiben. Einen Titel habe ich schon, aber den verrate ich jetzt noch nicht.