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Auf Friedensmission: Von ABC-Schutz bis Rüstungskontrolle

Mai 2020

Ob Milzbrand, Pocken, Ebola, Hanta- und Coronaviren – für Biozentrum Alumnus Max Brackmann ist nichts davon exotisch. Er arbeitet als Postdoc im Labor Spiez, welches im ABC-Schutz tätig ist, der Abwehr von atomaren, biologischen und chemischen Gefahren. Im Interview erzählt er von der Arbeit mit gefährlichen Erregern, von Chemiewaffen und von seiner zukünftigen Stelle, bei der er eng mit internationalen Organisationen wie der UNO zusammenarbeiten wird. 

Vor über zwei Jahren hast du als Postdoc im «Labor Spiez» angefangen. Hast du dich dort ganz klassisch beworben?
Nein, das war alles andere als klassisch. Ich habe meinen derzeitigen Chef am Biozentrum PhD Retreat kennengelernt. Ich hielt dort meinen Probevortrag für die Promotionsverteidigung und er war als externer Redner eingeladen. Meine Präsentation muss wohl recht überzeugend gewesen sein. Nach einem gemeinsamen Mittagessen und zwei Vorstellungsgesprächen, war alles geritzt. Unglaublich, dass das so gekommen ist.

Du bist also nach dem PhD am Biozentrum direkt dorthin gewechselt. Wie war der Einstieg?
Das hier ist eine ganz andere Welt. Vom Biozentrum, welches sehr international ist und wo sehr viele junge Leute forschen, zu einer Umgebung, wo viele Berner und vor allem Mitarbeiter mit Familie tätig sind. Das war eine Umstellung für mich. Das Handwerkzeug für meinen Start hier in der Bakteriologie habe ich aus meiner PhD-Zeit mitgebracht. Trotzdem war es ein Neustart, denn mein Schwerpunkt liegt nun in der Gruppe Proteomics, Bioinformatics and Toxins auf der Entwicklung neuer Methoden im Bereich Massenspektrometrie und Proteomics.

Das Labor Spiez ist ein Bundeslabor. Was ist das Besondere daran?
Das Labor Spiez ist dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz unterstellt, welches beim Eidgenössischen Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport angesiedelt ist. Wir sind hauptsächlich im ABC-Schutz tätig und befassen uns mit unterschiedlichen Aspekten von A wie Atomwaffenkontrolle, über B wie potenziellen Biowaffen bis hin zu C wie chemische Kampfstoffe. Erst kürzlich war ein Mitarbeiter auf den Marshall Inseln und hat dort ein Atomwaffen-Testgelände auf Rückstände von Plutonium und Americium untersucht.

Ihr arbeitet also auch mit gefährlichen Erregern?
Ja, schweizweit haben wir das einzige Labor für humanpathogene Erreger der Risikogruppe 4, das heisst zum Beispiel, dass wir im Rahmen des Bevölkerungsschutzes Forschungsarbeiten an Ebola-Viren durchführen dürfen. Im Fall Ebola gehören wir einem grossen Forschungskonsortium zur Impfstoffentwicklung an. Und wir sind das nationale Referenzlabor für unter anderem Anthrax, auch als Milzbrand bekannt. Diese potenziell tödlich verlaufende Infektionskrankheit wird durch das Bakterium Bacillus anthracis hervorgerufen. Wir machen auch die Diagnostik für exotische Krankheiten, die kommerzielle Labors nicht in ihrem Portfolio haben. Dazu gehören Lassa- oder Hanta-Viren, die häufig durch Reiserückkehrer mitgebracht werden, aber auch Rotz und Pseudorotz und natürlich jetzt die Coronaviren.

In welchem Fachbereich bist du angesiedelt?
Ich gehöre zum Bereich Biologie B, speziell der Infektionsbiologie, und da in einer recht neu zusammengesetzten Gruppe. Sie nennt sich Proteomics, Bioinformatics and Toxins. Ich beschäftige mich hauptsächlich mit biochemischer Analytik und entwickle beispielsweise Nachweismethoden für Toxine. Da wir hier aber ein ziemlich kleines Labor sind, mit ungefähr hundert Vollzeitstellen, sind meine Projekte fachübergreifend. Das geht schnell mal über den eigenen Tellerrand hinaus.

Was heisst das konkret?
Angefangen habe ich mit einem Projekt zum Nachweis von Antibiotikaresistenzen in Bakterien mithilfe der Massenspektrometrie. In meinem aktuellen Projekt arbeite ich mit einem Synthesechemiker zusammen. Wir wollen eine Methodik entwickeln, um Chlorvergiftungen in Haaren nachzuweisen. Chlor wird zunehmend als Chemiewaffe eingesetzt. In Syrien zum Beispiel sind zahlreiche Chemiewaffen-Anschläge mit Chlorgas verübt worden. Da Chlorid in der Umwelt aber überall vorkommt, muss man spezifisch nach Chlorverbindungen suchen. Das heisst, wir müssen einen spezifischen und vor allem stabilen Marker für eine Chlorvergiftung finden, den man auch längere Zeit nach einem Anschlag noch im Menschen nachweisen kann.

Wenn es irgendwo auf der Welt zu einem Chlorgasanschlag kommt, könnte man diese Methode also für den Nachweis verwenden?
Das ist die Idee. Auch wenn es international immer noch schwierig ist, die Verantwortlichen zu Belangen, so haben durch den expliziten Nachweis eines Chemiewaffen-Einsatzes Sanktionen eine viel solidere Grundlage. Im Bereich der Biowaffen ist man da noch nicht so weit. Das wird dann Teil meines zukünftigen neuen Jobs in der Fachstelle ABC-Rüstungskontrolle sein.

Interessant, was wird denn deine neues Aufgabengebiet sein?
Etwa die Hälfte meiner Arbeitszeit wird sich um internationale Beziehungen drehen, das Verhandeln von Biowaffenübereinkommen, die Teilnahme und Organisation von UNO-Meetings. Meine Aufgabe ist es dann, Diplomaten und Politikern den wissenschaftlichen Background für ihre Entscheidungen zu liefern. Das reizt mich extrem. Schon seit langem interessiere ich mich für internationale Organisationen und hatte unabhängig einen CAS absolviert, bei dem es ein Modul «intercultural communications» gab. Das ist bestimmt hilfreich, ansonsten heisst es Learning on the Job. Das wird eine steile Lernkurve geben.

Und die anderen 50 Prozent?
Die werde ich weiterhin der Forschung widmen. Speziell geht es um den sensitiven Nachweis von biologischen Giften beispielsweise Proteintoxinen. Und ich werde zusammen mit der Virologie an Viren forschen, die aktuell interessant sind, wie gerade jetzt das Coronavirus.

Apropos Coronavirus, wie ist das Labor Spiez dort involviert und wie hat die Situation deine Arbeit verändert?
Unsere Aufgabe ist es, Corona-Tests vor allem für das Militär durchzuführen. Die haben Priorität und das Ergebnis muss innert weniger Stunden vorliegen. Zu Höchstzeiten haben wir 170 Proben am Tag auf Corona getestet. Insgesamt hatten wir an die 2000 Corona-Verdachtsfälle. Im Vergleich zu letztem Jahr, dort hatten wir geraden einmal 300 Proben unterschiedlichster Infektionserreger über das ganze Jahr verteilt. Wir kümmern uns im Regionallabornetzwerk um den Aufbau und die Verbesserung der Diagnostik für diverse Erreger und koordinieren die Verteilung von Labormaterialien und Diagnostik-Kits. Im Haus laufen aber auch Forschungsprojekte zum Beispiel zur Desinfektionswirkung von Seife auf Coronaviren. Viele von uns, auch ich, sind zurzeit stark in die Corona-Diagnostik eingespannt.

Das Labor Spiez hat eine Beratungsfunktion gegenüber nationalen Instanzen. Was kann man sich darunter vorstellen?
Wir beraten zum Beispiel das Staatssekretariat für Wirtschaft, SECO, in Bezug auf Rüstungskontrolle. Da geht es häufig um Ausfuhrgenehmigungen: Kann der Fermenter X zur Joghurtherstellung auch für die Pockenproduktion verwendet werden und wie muss man ihn umbauen, damit er nicht missbräuchlich für die Biowaffen-Produktion eingesetzt werden kann. Das ist nur ein Aspekt von vielen. Wir arbeiten auch eng mit Polizei und Feuerwehren zusammen, insbesondere auch Chemiewehren von Firmen. Wir verfügen über ABC-Einsatzteams, welche vor Ort Proben nehmen und sie im Labor analysieren. Wenn ein hochrangiger Politiker beispielsweise einen Umschlag mit weissem Pulver im Briefkasten findet, was vor ein paar Jahren noch häufiger vorkam, testen wir, ob es sich um Anthrax oder um harmloses Mehl handelt.

Wie der Name schon sagt, befindet sich das Labor Spiez in Spiez. Lebst du auch an deinem Arbeitsort?
Nein, ich wohne in Thun, das ist etwas grösser als Spiez. Die Stadt ist für mich ein guter Kompromiss zwischen gross und klein. Ich fahre jeden Tag elf Kilometer mit dem Fahrrad zur Arbeit, vor allem am Seeufer entlang, das ist sehr schön.

Dann kommst du also auf deine sportlichen Kosten?
Ja, absolut. Die Möglichkeiten mit Bergen und See vor der Tür sind so vielfältig. Ich gehe viel klettern, wandern und mache Touren mit dem Rennrad und Mountainbike, im Winter stehe ich auf den Skiern. Tatsächlich habe ich es aber noch nicht geschafft im Thuner See zu baden. Direkt aus dem See ragt eine steile Wand, die ich auch schon hochgeklettert bin. Wenn man loslässt, fällt man einfach in den See. Und ich bin im Alpen- und Sportverein aktiv, so habe ich recht schnell neue Leute kennengelernt. Aber alle zwei Monate zieht es mich doch nach Basel und ich treffe mich mit Kollegen aus Biozentrum-Zeiten. Natürlich nur, wenn nicht gerade Corona-Zeiten sind.

Curriculum vitae:
Maximilian Brackmann arbeitet seit 2018 im Labor Spiez im Fachbereich Biologie, hat dort in der Bakteriologie angefangen und ist jetzt in der Gruppe Proteomics, Bioinformatics und Toxins tätig. Er hat an der Technischen Universität München studiert und im Jahr 2013 mit einem Master in Biochemie abgeschlossen. Anschliessend promovierte er am Biozentrum der Universität Basel in der Forschungsgruppe von Prof. Marek Basler. Der gebürtige Stuttgarter lebt derzeit in Thun.