«Mithilfe der Physik kann man der Biologie auf den Grund gehen»
Wie kann die Physik helfen, Lebensprozesse besser zu verstehen? Für Zhiping Wang, der in China Physik studierte und am Biozentrum seinen Master in «Physics of Life» absolviert hat, war die Biologie ein ganz unbekanntes Gebiet, in das er über Bildgebung, Datenanalyse und physikalischen Prinzipien vorgedrungen ist.
Du hast an der Universität Lanzhou in China Physik studiert. Warum hast du dich für den Master in «Physics of Life» entschieden?
Während des Studiums in China habe ich mich mit computergestützten und optischen Bildgebungsverfahren und mit Mikroskopie beschäftigt. Mit der Zeit wollte ich aber mehr erfahren, wie man diese Technologien in der Biologie einsetzt. In Europa sind jedoch die meisten Masterstudiengänge in Biologie hauptsächlich auf Studierende mit einem biologischen Hintergrund ausgerichtet. Weil der Master in «Physics of Life» eine Brücke zwischen Physik und Biologie schlägt, hat mich der Studiengang sofort angesprochen. Ich konnte mich der Biologie also von der der physikalischen Seite her nähern.
Was fasziniert dich als Physiker an der Biologie?
Physik und Biologie sind nicht voneinander getrennt. Mithilfe der Physik kann man verschiedenen Dingen auf den Grund gehen. Einige Leute beschäftigen sich mit Objekten, andere mit Festkörpern und die Biologie ist einfach ein weiteres Gebiet, bei dem man mit physikalischen Ansätzen weiterkommen kann.
Hat der Master rückblickend gesehen deine Erwartungen erfüllt?
Der Einstieg war recht anspruchsvoll. Ich kam aus der Physik und hatte keine biologischen Vorkenntnisse. Da bei einigen Forschungsgruppen praktische Erfahrungen im Labor Voraussetzung waren, war die Auswahl an Gruppen anfangs etwas eingeschränkt. Doch dank der Flexibilität des Studiengangs haben sich spannende Projekte ergeben, die mein Interesse sofort geweckt haben.
Welche Lehrveranstaltungen waren für dich besonders wichtig?
Vor allem die Seminare, in denen Forschende aus der ganzen Welt und unterschiedlichsten Fachgebieten ihre Arbeit vorgestellt und uns so Einblicke in viele verschiedene Themen gegeben haben. Gerade für jemanden wie mich, der mehr über Biologie wissen wollte, waren die Seminare Gold wert.
Bekommt man im Studium auch praktische Erfahrung?
Ja, Forschungsprojekte sind ein wichtiger Teil im Studium. Ich habe meine Projekte in der Gruppe von Prof. Ben Engel hier am Biozentrum und bei Prof. Ivan Dokmanić am Departement Mathematik und Informatik gemacht. Während des Masters kannst du entweder längere Zeit in einer Gruppe oder für kürzere Zeit in verschiedene Gruppen arbeiten. So kann man herauszufinden, welches Forschungsgebiet einem am meisten liegt.
Du hast auch ein Praktikum an der EPFL gemacht …
Ja, das war freiwillig. Ich fand die Gruppe und die Forschung spannend, und ich wollte auch noch etwas Anderes kennenlernen. Rückblickend war das eine gute Entscheidung, denn ich werde dort nun meine Doktorarbeit machen. Das war alles andere als geplant, hat sich aber während des Praktikums so ergeben.
Worum ging es in deiner Masterarbeit im Labor von Anissa Kempf?
Ich habe mit unterschiedlichen Bildgebungsverfahren das Verhalten von Fruchtfliegen, Drosophila, untersucht. Genauer gesagt habe ich mit Dual-View-3D-Bildgebung und computergestütztem Tracking die Bewegungen und die Körperhaltung über einen längeren Zeitraum der Fliegen aufgezeichnet. Anhand dieser Langzeitaufnahmen konnte ich dann deren Schlafverhalten analysieren. Besonders spannend fand ich die Kombination aus physikbasierter Bildgebung, Datenanalyse und Verhaltensforschung.
Was hat dir im Studium am besten gefallen?
Die Freiheit. Man hat so viele Möglichkeiten und eine grosse Auswahl an Kursen und Forschungsgruppen – nicht nur am Biozentrum, sondern auch in anderen Departementen. Gleichzeitig ist der Druck durch die Lehrveranstaltungen nicht so gross, sodass man genug Zeit für die eigenen Forschungsprojekte hat. Genau diese Offenheit und Flexibilität machen dieses Masterstudium so besonders.
Wie fandest du die Betreuung?
Als ich anfing, war der Studiengang ganz neu und es war noch nicht alles bis ins Detail durchorganisiert. Ab und zu mussten wir auch nach Infos suchen. Wir haben uns dann direkt bei den Verantwortlichen gemeldet. Alle waren super hilfsbereit und haben immer sofort reagiert.
So ein Masterstudium ist ja recht intensiv. Wie lädst du deine Batterien wieder auf?
Ich gehe gerne wandern und reise viel. Die Schweiz ist dafür wirklich ideal, auch weil der öffentliche Verkehr unglaublich gut und zuverlässig ist. Da ich unter 25 war, konnte ich auch günstig Zug fahren. Ich war oft unterwegs, teilweise fast jedes Wochenende.
Gibt es etwas aus der chinesischen Kultur, was du hier vermisst?
Ganz klar, das Essen. Die chinesische Küche hier unterscheidet sich ziemlich von der in China. Ich glaube, viele Restaurants passen ihre Gerichte dem europäischen Geschmack an, deshalb schmeckt es einfach anders.
Wie geht es nun für dich weiter?
Jetzt im August starte ich mit meiner Doktorarbeit an der EPFL, im Labor für Angewandte Photonik bei Prof. Christophe Moser. Dort werde ich zu lichtbasiertem 3D-Printing und ähnlichen Verfahren für das 3D-Bioprinting forschen. Langfristig können diese Technologien dabei helfen, organoid-basierte Modelle für biologische Experimente zu optimieren und weiterzuentwickeln.
Zu guter Letzt: Würdest du den Master in «Physics of Life» weiterempfehlen?
Ja, definitiv. Allerdings würde ich Physik-Studierenden raten, sich schon vor Studienbeginn ein paar Grundlagen der Biologie anzueignen. Das ist wirklich hilfreich, besonders im ersten Semester und in den Seminaren, in denen man wissenschaftliche Publikationen diskutiert. Und die Stipendien sind natürlich auch ein grosser Vorteil.

