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Prof. Anissa Kempf über den Schlaf

Wir tun es jede Nacht und hin und wieder auch am Tag. Schlafen. Aber warum eigentlich? Und was bringt uns dazu einzuschlafen, wie steuert das Gehirn unseren Schlaf? Prof. Anissa Kempf erforscht das Schlafverhalten am Beispiel von Fruchtfliegen. Denn nicht nur wir Menschen, auch Tiere, ob Fadenwurm, Qualle oder Insekt, schlafen.

Ist Schlafen wichtig?
Auf jeden Fall. Schlaf ist lebensnotwendig. Ein Drittel unseres Lebens schlafen wir. Und das können wir – anders als unsere Essgewohnheiten – kaum steuern. Wir können uns zum Beispiel entscheiden, auf Kohlenhydrate oder Fleisch zu verzichten. Und das gelingt auch, ohne grössere Einschränkungen oder Folgen für unseren Körper. Wir können sogar mehrere Wochen ohne Nahrung überleben. Entscheiden wir uns hingegen, jede Nacht ein paar Stunden weniger zu schlafen, so hat das bereits nach einer Nacht erhebliche Auswirkungen auf unser Wohlbefinden und unseren gesamten Organismus. Ohne Schlaf sterben wir. 

Wie wird unser Schlaf gesteuert?
Das ist immer noch ein kleines Mysterium, und genau daran forschen wir. Genauer gesagt untersuchen wir, was im Gehirn passiert, damit wir schlafen. Inzwischen weiss man, dass uns bestimmte Nervenzellen im Gehirn aktiv in den Schlaf sinken lassen. Es gibt sogenannte Einschlafzellen, die bei bestimmten Stoffwechselzuständen angeregt werden, den Schlaf auszulösen.

Der Schlaf ist also nichts Passives, was uns einfach widerfährt?
Nein, absolut nicht. Schlaf an sich ist sogar einer unserer Motivationstriebe wie essen oder sich vermehren. Die Motivation zu schlafen nimmt zu, wenn das Bedürfnis entsteht, und nimmt ab, wenn es befriedigt wurde. 

Was konkret konntest du schon herausfinden?
In meiner bisherigen Forschung konnte ich bereits zeigen, dass sich in unseren Wachphasen nach und nach freie Sauerstoffradikale in den Mitochondrien, den Kraftwerken der Zelle, anreichern. Diese führen bei einem bestimmten Füllstand dazu, dass bestimmte Nervenzellen, sogenannte Schlafzellen, angeregt werden, und uns dazu bringen einzuschlafen. Dies zeigt uns, wie unser Gehirn den Schlaftrieb steuert und wie es die Länge der Wach- und Schlafphasen kontrolliert.

Bestimmt dies auch unseren Schlafrhythmus?
Das ist nicht ganz das Gleiche. Wir haben in uns die sogenannte circadiane Uhr, eine innere Uhr, die unseren Schlaf-Wach-Rhythmus bestimmt, also uns am Tag wach sein und in der Nacht schlafen lässt. Und parallel zu dieser inneren Uhr gibt es noch ein zweites System. Genau dieses untersucht mein Team. Dieses erkennt, wenn wir nachts nicht oder zu wenig geschlafen haben, zeigt uns, dass wir müde sind und veranlasst uns einzuschlafen.

Es geht also darum, wie das Gehirn Schlafmangel erkennt?
Richtig. Die Idee dahinter ist, dass der Körper den Mangel an Schlaf nachholen muss. Unserer Hypothese nach finden nachts im Körper bestimmte Prozesse statt, die nur dann starten, wenn der Körper wirklich abschaltet. Diese könnten zum Beispiel zur Regeneration dienen. Sie scheinen für den Organismus wichtig zu sein, so dass der Körper versucht, versäumten Schlaf nachzuholen.

Warum ist es wichtig, mehr über unseren Schlaf zu wissen? 
Schlafen ist für den Organismus unerlässlich. Ungenügender Schlaf ist von der Weltgesundheitsorganisation sogar als eine der Hochrisikofaktoren für Krankheiten identifiziert worden. Doch viele Menschen haben Schlafprobleme, und ihnen können wir mit unserer Forschung helfen, dem Ursprung ihres Leidens auf den Grund zu gehen.

Forschungsgruppe Anissa Kempf