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«Jeden Tag ein Stück selbstständiger»

Die ersten Tage war Hannah Jung aufgeregt und gespannt, was sie beim Research Summer erwarten würde. Doch nun nach wenigen Wochen weiss sie: Computational Biology und selbstständiges Forschen sind genau ihr Ding.


Wie würdest du den Research Summer in einem Wort beschreiben?
Neu. Ich mache ganz viele Dinge, die ich vorher noch nie gemacht habe. Ich bin in einer Stadt, in der ich noch nie war, und ich kannte niemanden in Basel. Vor allem am Anfang war alles komplett neu für mich und viel auf einmal. 

Wie hat sich dieses Neu angefühlt? Magst du solche Situationen?
Die ersten zwei Tagen war ich richtig nervös. Ich hatte noch nie in einem Labor gearbeitet und wusste nicht, wie ernst alles sein würde. Aber mittlerweile finde ich es richtig toll, auch weil es mir Spass macht, immer wieder Neues zu kennenzulernen und neue Aufgaben zu bekommen. Irgendwann einmal bin ich morgens losgegangen und wusste, heute will ich dies und jenes machen. In dieses Selbstständige reinzukommen, fühlt sich richtig gut an. Ausserdem treffe ich viele neue Leute. Sie fragen nach, woher ich komme, erzählen aber auch von ihren Projekten. 

Was hat dich bisher am meisten überrascht?
Wie viel Computational Biology heute in der Biologie steckt. Im Studium liegt der Fokus häufig auf klassischen Experimenten. Hier habe ich gemerkt, dass viele Labore vor allem Daten analysieren. Dafür muss man nicht einmal zwingend Biologie studiert haben; manche Forschende kommen zum Beispiel aus der Physik. Mich hat überrascht, wie vielfältig Biologie tatsächlich ist. Das war mir vorher nicht so klar.

Wo und was studierst du?
Ich studiere in Utrecht in den Niederlanden. Mein Studiengang heisst University College Liberal Arts and Sciences und ist ein wenig an amerikanische Colleges angelehnt: Man legt sich erst im Laufe des Studiums fest. Im ersten Jahr habe ich auch Fächer wie Anthropologie ausprobiert. Dann habe ich gemerkt, dass Biologie und Chemie das sind, was ich eigentlich machen möchte. Deswegen studiere ich jetzt Biologie.

Warum hast du dich für den Research Summer beworben?
In meinem Studium habe ich vergleichsweise wenig Praktika. Ich hatte zwar zwei Laborkurse, aber die waren nicht sehr intensiv. Biologie gefällt mir, und ich kann mir vorstellen, später in der Forschung zu arbeiten. Deshalb wollte ich das vorher ausprobieren. Beim Research Summer fand ich besonders gut, dass keine Vorerfahrung vorausgesetzt wird und man passend zu seinen Interessen einer Forschungsgruppe zugeteilt wird. 

In welcher Gruppe arbeitest du?
Ich bin in der Gruppe von Richard Neher. Dort geht es unter anderem um die Analyse von Virusgenomen. Im letzten Semester habe ich eher zufällig einen Programmierkurs belegt, weil ich meine ursprünglich gewünschten Kurse nicht bekommen hatte. Der Kurs handelte von mathematischen und computergestützten Methoden in der Forschung. Ich fand das sehr cool, obwohl es darin viel um Physik und nicht um Biologie ging. Richards Gruppe verbindet Biologie mit genau diesen Methoden. Deshalb stand sie auf meiner Präferenzliste weit oben.

Arbeitest du in der Gruppe an verschiedenen Aufgaben mit oder hast du ein eigenes Projekt?
Ich habe ein eigenes kleines Projekt zu Hantaviren. Ich habe die Genome von vier verschiedenen Hantavirus-Spezies analysiert und daraus einen phylogenetischen Baum erstellt. Er visualisiert, wie eng die verschiedenen Viren miteinander verwandt sind und wie sie sich im Laufe der Evolution verändert haben. Spannend wäre zu untersuchen, ob die Spezies, die Menschen infizieren, Gemeinsamkeiten haben. Das wäre für mich aber jetzt noch ein bisschen zu kompliziert.

Hast du damit ein neues Interessengebiet für dich entdeckt?
Ja, schon. Computational Sciences finde ich generell sehr spannend. Ich würde mir auch noch gerne andere Sachen in Richtung Bioinformatik anschauen.

Was hast du gelernt, was du vorher noch nicht wusstest oder konntest?
Ich habe viel von neuen Tools gehört, die man für die Datenanalyse benutzt und gelernt, wie man mit Daten umgeht. Und ich kannte mich vorher auch kaum mit Hantaviren aus. Vieles habe ich auch nebenbei in Gesprächen gelernt.  Am Anfang verstand ich fast nichts. Inzwischen habe ich zumindest eine Ahnung davon, wie Forschung funktioniert.

Kannst du dir nach diesen Wochen vorstellen, später selbst zu forschen?
Ja, ich finde Forschung richtig interessant, also auch, dass man einfach Sachen macht und nicht weiss, was am Ende rauskommt. 

Wie wurdest du von deinem Team aufgenommen?
Sehr herzlich. Schon in der ersten Woche waren wir gemeinsam im Rhein schwimmen. Wir essen häufig zusammen zu Mittag, oft mit Leuten aus anderen Gruppen oder Instituten. Diese Woche gehen wir wahrscheinlich noch gemeinsam in Frankreich Wildwasser-Kajak fahren. 

Hat das Praktikum deine Vorstellung von Forschung verändert?
Ja, vor allem, weil ich gelernt habe, dass auch Datenanalyse Forschung ist. Und auch das Arbeitsumfeld ist viel lockerer als ich mir vorgestellt hatte. Mich hat auch positiv überrascht, dass die Leute einander zuhören und sich für die anderen interessieren.

Welche Erfahrung aus dem Research Summer möchtest du nicht missen?
Da gibt es zwei. Erstens das Schwimmen im Rhein. Zweitens den Moment, als ich nach ungefähr drei Wochen meinen ersten Stammbaum selbst erstellt und visualisiert hatte. Da dachte ich: Jetzt bin ich fertig und habe rausbekommen, was wir wollten. Das war sehr cool. Der Baum soll später online gestellt werden. Ich freue mich schon darauf, meiner Familie den Link zu schicken und zu sagen: Schau, das habe ich gemacht.